12 Thesen zur missionalen Theologie

090310-12-thesen-coverIGW denkt im laufenden Studienjahr intensiv über die missionale Theologie nach.  Im Rahmen der IGW-Konferenz haben wir öffentlich, an Weiterbildungstagen für Mitarbeitende intern diskutiert. In drei Ausgaben des Magazins VISION haben wir zu zeigen versucht, wie missionale Theologie Gemeinde und Christenleben fördert.  Die Referate, Diskussionen und Artikel münden nun in die vorliegenden Thesen.

Wir verstehen die Thesen als engagierten Beitrag an eine weiterführende Diskussion. Wir sind überzeugt, dass die missionale Theologie ihre Kraft und ihre Wirkung in jeder Form von Kirche entfalten kann. Sie wird Veränderungen in der theologischen Arbeit, im Leben und Denken sowie im Glauben und Handeln der Christen auslösen. Es geht um das Grundanliegen der Kirche Jesu: Gottes Auftrag in dieser Welt zu leben.

Die Grundlage der missionalen Theologie

1. Missionale Theologie weiss sich einer umfassenden biblischen Grundlage verpflichtet. Sie gründet auf Leben und Werk von Jesus Christus, auf dem Missionsbefehl (Mt 10, Mt 28, Mk 16, Lk 24, Apg 1) und auf dem Alten Testament.

2. Missionale Theologie ist eine Theologie der aktiven Teilnahme an Gottes Schöpfungs- und Erlösungshandeln. Damit die christliche Mission in einer leidenden Welt bedeutsam ist, muss die Kirche auf die aktuellen Fragen und Nöte ihres Umfeldes eingehen.

3. Missionale Theologie nimmt die Tatsache ernst, dass Gott die Welt liebt (Joh 3,16) und ihre umfassende Erlösung und Wiederherstellung zum Ziel hat. Sie ist dem Rettungshandeln Gottes verpflichtet, indem sie den Menschen durch die Bindung an die Person Jesu in die ursprüngliche Schöpfungsordnung hineinführt, in der die Fülle des Lebens zu finden ist.

4. Missionale Theologie versteht den Begriff der Bibeltreue umfassend. Sie strebt ein Gleichgewicht von Wort und Tat (Orthodoxie und Orthopraxis) an und misst die Treue zur Bibel nicht nur am Festhalten an der Wahrheit, sondern auch an der Fähigkeit, das Evangelium in der Welt zu inkarnieren.

5. Missionale Theologie setzt grenzüberschreitende Lernbereitschaft voraus. Sie hört auf die Brüder und Schwestern in unseren Kirchen sowie auf unsere Brüder und Schwestern in der Zweidrittelwelt, die durch ihre ganzheitliche Denkweise den Weg zu einer missionalen Theologie vorgezeichnet haben.

6. Missionale Theologie dient der Anbetung Gottes. Mission geschieht, weil Gott noch nicht überall angebetet wird, und sie geschieht bis zur Wiederkunft Jesu und der endgültigen Aufrichtung der Herrschaft Gottes. Die unterschiedlichsten Aktivitäten fördern die Anbetung Gottes: die Sorge um die Schöpfung, die es zukünftigen Generationen erlaubt, in ihr die Herrlichkeit Gottes zu erkennen; Entwicklungshilfe als Hinweis auf den suchenden Gott, der ganzheitliches Heil will; Kunst und Kultur, die Gottes Weisheit und Schönheit widerspiegeln.

Die christologische Begründung

7. Jesus Christus ist das Zentrum der Heiligen Schrift. Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch sowie als Lehrer und Prophet ist massgebend für eine missionale Theologie, für die christliche Lebensführung, das Leben der Kirche und ihre Mission in der Welt.

8. Missionale Theologie findet dort statt, wo in der Kraft des Heiligen Geistes das Evangelium von Jesus Christus und der Ruf zum Glauben verkündet, wo Gewalt eingedämmt, soziale Gerechtigkeit geübt, aus Armut und Unterdrückung befreit und Menschen zu Würde verholfen wird (Lk 4,18-19; Mt 10,6-8).

Die ekklesiologischen Auswirkungen

9. Eine für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts relevante Kirche ist eine Kirche, die sich als Manifestation des Reiches Gottes begreift und entsprechend handelt.

10. Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums vom Reich Gottes und seinem gekreuzigten und auferstandenen König Jesus. Die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat auf der ganzen Welt ist ein heilsgeschichtliches Muss (Mk 13,10).

11. Frieden und Gerechtigkeit sind den alttestamentlichen Propheten gemäss ein Hauptmerkmal des Reiches Gottes. In der Kirche bildet sich dieses Reich zeichenhaft ab, und darum gehört der Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit zum Auftrag der Kirche (Jes 2,2-4; 42,1-4; Mt 5,9; Röm 14,17).

12. Die Kirche kann ihren Auftrag nur erfüllen, wenn sie sich als Alternative zu gottfeindlichen und lebenszerstörerischen Tendenzen in der Gesellschaft versteht. Als Kontrastgesellschaft kann sie umfassend und glaubhaft göttliches Heilshandeln veranschaulichen und zugänglich machen und so die Gesellschaft tiefgreifend verändern.

Begriffsklärungen

Zum besseren Verständnis klären wir einige wichtige Begriffe:

Missional: Dieser Begriff umschreibt eine durch und durch dem missionarischen Sein und Handeln Gottes in dieser Welt verpflichtete und davon durchdrungene Denk- und Handlungsweise.

Missionale Theologie: Dieser Begriff umschreibt das Bemühen, alles Reden und Lehren über Gott in erster Linie vom grundsätzlich missionarischen Wesen und Handeln Gottes in Welt und Geschichte bestimmen zu lassen.

Inkarnation: Dieser Begriff umschreibt das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in der Person Jesu Christi mit der Konsequenz, dass sich Gott dadurch ganz in die Lebenswirklichkeit seiner Schöpfung und Geschöpfe hineinbegeben hat.

Orthodoxie: Dieser Begriff umschreibt an dieser Stelle das Bemühen um ganzheitlich reflektierte und gefestigte christliche Lehrüberzeugungen und Lehre.

Orthopraxis: Dieser Begriff umschreibt das Bestreben nach einer an christlichen Grund- und Lehrüberzeugungen orientierten praktischen Lebensführung.

Kontrastgesellschaft: Dieser Begriff umschreibt die lokale und globale christliche Weg-Gemeinschaft als gelebten Ausdruck des jetzt schon angebrochenen aber noch nicht vollendeten Reiches Gottes.

Ekklesiologie: Dieser Begriff umschreibt die christliche Lehre über die Kirche.

Christologie: Dieser Begriff umschreibt die christliche Lehre über Leben, Dienst und Werk von Jesus Christus.

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15 Responses to “12 Thesen zur missionalen Theologie”

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  1. Walter Wieland says:

    Habe die Thesen mit Interesse gelesen. Könnte
    jemand noch kurz den Unterschied von
    missionarisch und missional erklären (nicht
    für mich!)? Die Zuspitzung fehlt mir etwas, im
    Sinne von Ulrich Parzanys Satz: „Die letzte Veranstaltung der Weltgeschichte wird kein Hauskreis sein, sondern das Weltgericht…“ und dass die Gesellschaft darauf wartet, „dass die Christen aus dem Sofa kommen“. (idea 10 / 09 S. 19)

  2. Mätu Marmet says:

    Habe mich gerade den Thesen gewidmet und bin gespannt, was Gott nächste Woche tun wird. Ich wünsche mir, dass wir dieses „gesandt sein in die Welt“ immer mehr auch im Übernatürlichen (Zeichen und Wunder) erleben dürfen. Damit wir Christen Hoffnung sein können, dort wo die Welt es nicht mehr sein kann.

  3. Profilbild von Cla Cla says:

    Lieber Walter, vielen Dank für die wertvolle Anregung. Ich habe gerade einen Artikel veröffentlicht, der deine Frage aufnimmt.

  4. David says:

    Ich habe den Artikel mit Begeisterung gelesen und muss sagen, dass er einige wichtige Elemente enthält. Am wichtigsten (falls es überhaupt DAS Wichtigste in diesem Zusammenhang gibt) erscheint mir die Einsicht bzw. die Klarstellung, dass Missionale Theologie gestaltet und gestaltet wird von Menschen für Menschen, und das gerade dort, wo Unterdrückung und Unrecht herrscht.

  5. Ralf says:

    Hey Walter, vielen Dank für den Artikel und die Inspiration. Er ha tmir zu denken gegeben und nun brüt eich über einen Artikel, der deine Frage aufnimmt.

  6. Sergej says:

    Die World Evangelical Alliance offeriert gratis ca. 30 gute Bücher. Die englischen Werke stehen als PDF HIER zum download bereit. Einfach die gewünschten Bücher in Warenkorb schieben, Daten angeben und sogleich werden die ausgewählten Titel freigegeben oder deinem Account zum späteren Nutzen zugewiesen. Diese Info kann gerne weitergeleitet und breit bekannt gemacht werden!

    Liebe Grüße,
    Sergej Schendik
    http://www.3×16.de – Christliche Literatur und mehr.

  7. Profilbild von Cla Cla says:

    @Sergej
    Besten Dank für den wertvollen Hinweis!

  8. Coma says:

    2Tim 3,12
    «Und alle, die gottselig leben wollen in Christo JEsu, müssen Verfolgung leiden.»

    Beseht hier nicht irgendwie und irgendwo ein Kompatibilitäts-Problem ?

  9. Profilbild von Cla Cla says:

    Hi Coma. Kompatibiltät womit? Kannst Du das noch präzisieren?

  10. Coma says:

    Hallo Cla,

    Bist du sicher, dass deine 12 Thesen aufzeigen, was der Weg der Nachfolge Jesu ist? Denn, wenn „missiona-l/r-isches Handeln“ nicht Identisch ist zur *Nachfolge Jesu* …. wozu könnte es gut sein ?

    Lk 9,23
    Jesus sagt aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach!

    Was mich begeistert, ist …

    Phil 3,10
    …. um ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, …

    Hebr 13,13
    … Deshalb laßt uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach
    tragen! …

    Das tönt schon um einiges anders ….

    Du schreibst:
    …. „2. Missionale Theologie ist eine Theologie der aktiven Teilnahme an Gottes Schöpfungs- und Erlösungshandeln.“ ….

    Das Erste geht in einer Welt, in der Pflanzen und Tier aussterben, nicht. Aus mehreren Gründen: z.B. bist du nich in der Lage, auch nur eine einzige, kleine Mücke zu erstellen. Geschweige denn ein Mücken-Pärchen, bestehend aus Männchen und Weibchen, das sich fortpflanzt.

    Aber das Zweite ist möglich:

    Jes 53,3-5
    Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. (4) Jedoch unsere Leiden – {er} hat getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. (5) Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.

    Dies ist eine Beschreiben dessen, was Jesus tat und wodurch wir Erlösung erhielten und erhalten. Wird dies, was hier über Jesus steht, im Mini-Bonsaj-Masstab auch eine Beschreigung deines Lebens, dann wird dein Leben zur Erlösung anderer Nützlich sein.

    Und, wenn nicht, dann nicht.
    Bibelstellen im AT und NT, die dies belegen, gibt es viele.

    Alles Gute wünscht
    Coma

  11. Christ says:

    Jeder der sicht genau für dieses Thema angagiert und es fördert verdient meinen Respekt.
    Und ich muss zugeben : ich bin noch geistig noch nicht so weit um mich mit all den Thesen auseinander zu setzen.

    Meinen Beitrag zum Glauben leiste ich mit http://christliche-shirts.de

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