Ekklesia: herausgerufen oder hineingesandt?

Manche Legenden sind schwer unterzukriegen. Vor allem, wenn sie sich so gut anhören, dass man sich einfach wünscht, sie seien wahr. Eine solche Legende ist die Behauptung, dass das griechische Wort ekklesia, das im Deutschen meist mit Gemeinde wiedergegeben wird, eigentlich “herausgerufen” bedeute und dass in dieser Bedeutung ein Wesensmerkmal dieser Gemeinde zum Ausdruck komme.

Die Argumentation läuft folgendermassen:

  1. Das griechische Wort ekklesia geht auf die Bestandteile ek (“heraus”) und kaleo (“rufen”) zurück.
  2. Ekkaleo bedeutet “herausrufen”.
  3. Aus diesem Grund ist die Gemeinde als die “Herausgerufene” zu verstehen. Sie ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die aus der Welt “herausgerufen wurden”.

Es liegt auf der Hand, dass sich hier ein spannungsvoller Kontrast zur missionalen Theologie abzeichnet, welche die Gemeinde ja als grundsätzlich gesendet sieht. Herausgerufen oder hineingesandt: Was stimmt denn nun? Ohne diese Frage hier abschliessend beantworten zu wollen, erlaube ich mir doch den Hinweis, dass es mit der oben beschriebenen Deutung von ekklesia diverse sprachliche Probleme gibt. (Zu den theologischen Problemen darf sich gerne ein Experte für missionale Theologie äussern.) Auf zwei möchte ich hinweisen:

Erstens ist es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass ein Wort die Bedeutung seiner Grundbestandteile als eine Art verborgenen Sinnkern mit sich trägt. Oder sie überhaupt mit sich trägt. Gut, beim Wagenheber mag das noch funktionieren. Aber wie sieht es bei Auflauf aus? Das sind ja auch zwei Teile, was aber kaum (mehr) jemand merkt. Die Zusammensetzung hat sich verselbstständigt und niemand würde auf die Idee kommen, das Wort zu zerlegen um darüber zu reden, was ein Auflauf eigentlich sei. Das gilt sowohl für die kulinarische wie auch für die biblische (unten zitierte) Verwendung. Auch der Rückgriff auf frühere Bedeutungen eines Wortes ist meistens eine schlechte Idee, weil diese in der aktuellen Verwendung in den allerallermeisten Fällen nicht mehr ins Gewicht fallen. Dass Weib (viel) früher einfach eine Ehefrau bezeichnete, dürfte mir heute kaum Punkte bringen, wenn ich die Teilnehmerinnen an einem Eheseminar so begrüsse.

Zweitens stellt das Neue Testament selbst den, der die Ekklesia als eine exklusive von Gott herausgerufene Gruppe sehen möchte, vor beträchtliche Probleme. Da wird nämlich in der Apostelgeschichte (Kap. 19) von einer Konkurrenzorganisation gesprochen:

32 Die einen nun schrien dies, die anderen jenes; denn die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, weshalb sie zusammengekommen waren … 39 “Wenn ihr aber wegen anderer Dinge ein Gesuch habt, so wird es in der gesetzlichen Versammlung erledigt werden. 40 Denn wir sind auch in Gefahr, wegen des heutigen Aufruhrs angeklagt zu werden, da es keine Ursache gibt, weshalb wir uns über diesen Auflauf werden verantworten können. Und als er dies gesagt hatte, entliess er die Versammlung.”

Dem unterstrichenen Versammlung liegt im Griechischen ekklesia zugrunde. In diesem Abschnitt ist jedoch nicht von einer oder der christlichen Gemeinde die Rede (auch wenn V. 32 durchaus Erinnerungen an die eine oder andere Mitgliederversammlung wecken dürfte). Es geht überhaupt nicht um Christen, sondern

  • in V. 32 und 40 um einen Mob, der sich in Ephesus versammelt hatte, weil das lokale Silbergewerbe sich durch die missionarischen Aktivitäten von Paulus und seinen Mitarbeitern bedroht sah und
  • in V. 39 um eine offizielle Ratsversammlung in Ephesus.

Diese Verse zeigen, dass ekklesia nicht für christliche Versammlungen und Gemeinschaften reserviert war. Stattdessen scheinen wir einen Begriff vor uns zu haben, der für ganz verschiedene Versammlungen verschiedener Menschen verwendet wurde. (Diese Vermutung wird von der Verwendung ausserhalb des NT gestützt.) In diesem Sinne ist Gemeinde eine durchaus angemessene Übersetzung, gerade in der Schweiz, wo sie laufend Missverständnisse in der Abgrenzung zur politischen Gemeinde mit sich bringt. Die Gemeinschaft der an Jesus Gläubigen verwendet mit diesem Wort einen Begriff ohne Anspruch auf Exklusivität und macht vielleicht auch dadurch deutlich, dass sie sich als Teil des Lebens hier und jetzt versteht.

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10 Responses to “Ekklesia: herausgerufen oder hineingesandt?”

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  1. Helm77 says:

    Fehlt hier nicht irgendwie der Name „Johannes Reimer“ auf diesem Blog? 😉

  2. Der Artikel macht durchaus für ein einseitiges Verständnis des „Herausgerufenseins“ sensibel. Allerdings kann ich der Argumentation im Blick auf die Sprache nicht ganz folgen. Der Begriff „ekklesia“ wird auch schon in der LXX verwendet und steht dort für קהל יהוה, qehal (jhwh) – was die jüdische Volksgemeinde bezeichnet; die „Gemeinde Gottes“. Also wird auch im Begriff ekklesia ein Gedanke weitergeführt. Das Volk Gottes (Genitiv/Besitzanzeigend) ist zuerst für Gott da und kann nur so den einmaligen Auftrag ausführen.

  3. Profilbild von Cla Cla says:

    Lieber Ulrich
    Theologisch bin ich da durchaus einverstanden. Die ursprüngliche Bedeutung der ursprünglichen Bestandteile des Wortes ekklesia können dafür aber nicht als Argument herangezogen werden. Die LXX-Übersetzer haben nicht ekklesia gewählt, weil es sich irgendwann einmal etwas mit „herausrufen“ zu tun gehabt hatte, sondern weil es ein gebräuchliches Wort für verschiedene Arten von Versammlungen oder Gruppen war. Das zeigt sich auch darin, dass wie das NT auch die LXX ekklesia nicht für die „Gemeinde Gottes“ reserviert, sondern wiederholt als neutrale Bezeichnung einer versammelten Menschengruppe verwendet (s. z. B. 1Sam 17,47; 19,20; 1Makk 3,13; Sir 26,5).

  4. Rudi says:

    Leider gibt es ganz schön viele solcher Legenden. Ähnlich ist es mit der Herleitung bei dem Begriff Sünde von ‚Ziel verfehlen‘.

    Dieses Denken steckt so tief in den Gemeinden, dass es echt schwer ist, den Blick für weitere Eben zu öffnen.
    Es wird wohl sicher min. noch eine Generation brauchen, bis James Barr’s Ansatz (er hat maßgeblich diese Legenden angegriffen) auch von Laien aufgenommen wird.
    Danke für deinen Versuch die Legenden auszuräumen!

  5. Lieber Cla,
    hey, das ist sehr gut beobachtet. Meine nur, dass wenn ein Wort im einen Zusammenhang unspezifisch gebraucht wird, das nicht auch in jedem Falle so ist. Der Zusammenhang bringt die Farbe. So kommt der Anspruch Gottes (sein spezifisches Verhältnis zu seinem Volk) gut in den Worten Moses an Pharao zum Ausdruck: „Der HERR, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und dir sagen lassen: Lass mein Volk ziehen, dass es mir diene in der Wüste“ (2.Mose 7,16). Absonderung und Beauftragung bedingen sich im AT durchgängig. Genau diese Linie wird im NT fortgesetzt. Das „gerufen-sein“ impliziert den Zweck. Das trifft richtigerweise auch auf eine Menschenversammlung zu, die aus politischen Gründen (o.ä.) zusammengekommen ist.

  6. jo says:

    Hi,
    gibt es deutsche Bücher, in denen weiter auf solche Übersetzungsprobleme eingegangen wird?

    lg
    jo

  7. Profilbild von Cla Cla says:

    Hallo Jo. Wenn du dir einfach mal einen Überblick verschaffen möchtest, kann ich dir Streit um die richtige Bibelübersetzung von Gerhard Tauberschmidt empfehlen (2007, Brockhaus). Neudorfer und Schnabel präsentieren in Das Studium des Neuen Testaments (2006, Brunnen) ein recht umfangreiches Kapitel über sprachwissenschaftliche Aspekte der Exegese. Kann ich ebenfalls empfehlen, ist aber etwas anstrengend und anspruchsvoll. Einen kreativen Ansatz zur Analyse von Wortbedeutungen findest du in Der Wortinhalt von Ernst Leisi (1975, UTB). Das ist zwar kein theologisches Buch, schärft aber das Gefühl dafür, was es heisst, die Bedeutung eines Wortes zu analysieren. Die Brücke in die Theologie ist dann schnell gebaut.
    Ich hoffe, das hilft weiter. Herzlicher Gruss und frohes Forschen!
    Cla

  8. Benny says:

    Hallo Cla.

    Ich meine, dass hier – wie so oft in der Bibel – eine Spannung besteht. Daher ist die Formulierung “hineingesandt ODER herausgerufen” nicht ungefährlich, da man dadurch schnell diesen Spannungsbogen auflösen kann. Die Bibel beschreibt die Gemeinde sowohl als auch. Einmal als Gesandte (2.Kor 5,20), aber auch als Herausgerufen (Besser “Herausgerissen”: Gal 1,4)
    Die Gemeinde (oder: Herausgerufene) Gottes hat jedoch besondere Merkmale, die sich aus dem Zusammenhang ergeben und so auf keine menschliche Versammlung zutreffen.
    Kol 1,17:…Und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde.” Hier ist offensichtlich, dass die Gemeinde Gottes nicht nur eine Ansammlung von Menschen ist, sondern sein Leib.
    Eph 2,10: Denn wir sind sein Gebilde (oder: sein Gemachtes), in Christus Jesus geschaffen, zu guten Werken…” Auch hier kann man sagen: Gott hat alle Menschen “gemacht”, aber nur die “Herausgerufene” ist in Christus “zu guten Werken” geschaffen worden.
    Hosea 11,1 zeigt, was die Bedeutung von “herausrufen” ist. Diese Prophetie auf den Erlöser Jesus Christus wurde zuerst am Volk Israel deutlich. Es wurde aus Ägypten gerufen. Ebenso wurde Abram aus Ur gerufen.
    Diese Bilder zeigen dass das Wesensmerkmal eines Christen oder Gliedes am Leib Christi sehrwohl ein “Heraugerufensein” ist.
    Apg 19,32 zeigt ganz deutlich das “Herausgerufen-sein”: ….denn die Versammlung (Herausgerufene) war in Verwirrung (…) Die meisten wussten nicht, warum sie zusammengekommen waren”. Die Menschen waren herausgerufen worden. (In Griechenland wurde in der damaligen Zeit die Menschen mittels eines Heroldes “herausgerufen” um sich zu versammeln) Sie wurden aber nicht aus einem Land (wie bei Israel) oder aus der gegenwärtigen, bösen Welt (wie Gal. 14) gerufen, sondern aus ihren Häusern.
    Die Übersetzung von Ekklesia mit “Herausgerufene” und das sich daraus ergebende Merkmal des „Herausgerufen-Seins“ ist daher m.E. völlig legitim. Ganz neutral betrachtet, beschreibt es eine Versammlung von Menschen, die zu einem bestimmten Zweck “gerufen” wurde. Es geht daher auch nicht um die Exklusivität des Begriffes, sondern die Zweckgebundenheit. Die wörtliche Übersetzung von Ekklesia ist daher ein weitaus stärkerer Ausdruck als Gemeinde oder Versammlung.

    Gruß Benny

  9. Hallo Cla,
    du hast – wie immer in glas-clarer Sprache – den Nagel auf den Kopf getroffen. Was mich bei dem Ganzen beschäftigt, ist die Beobachtung, wie sehr wir in Wellen denken. Die „abgrenzende“ Hineinlesung in das Wort „ekklesia“ war ein Kind ihrer Zeit. Ganze Pastorengenerationen versuchten, der drohenden Verweltlichung mit der Betonung des „ek-“ Einhalt zu gebieten. Wie sehr ist unsere Theologie (inkl. Exegese) Widerspiegelung grösserer gesellschaftlicher Dynamiken! Das sollte uns auch bei der jetzigen missionalen Diskussion davor bewahren, das Vorletzte mit dem Letzten zu verwechseln 🙂

  10. Profilbild von Cla Cla says:

    Hi Benny
    Klar, da besteht eine Spannung. Und auflösen lässt sie sich auch nicht. War auch nicht mein Ziel. Ich wollte nur deutlich machen, dass die Wortgeschichte von ekklesia nicht als Begründung für das Herausgerufensein herhalten kann. Eine solche Argumentation ist linguistisch unzulässig und – wie ich meine – auch zu bequem. Da braucht es schon gründlichere theologische Arbeit; und du weist in deinem Kommentar ja auch auf entsprechende Ansatzpunkte hin. Danke dafür und herzlicher Gruss zurück!