Archiv für Mai 2009

Die Grundlage der missionalen Theologie (4/6)

„Missionale Theologie versteht den Begriff der Bibeltreue umfassend. Sie strebt ein Gleichgewicht von Wort und Tat an (Orthodoxie und Orthopraxis) und misst die Treue zur Bibel nicht nur am Festhalten an der Wahrheit, sondern auch an der Fähigkeit, das Evangelium in der Welt zu inkarnieren.“

Der nachfolgende Post in ein Gastbeitrag von Sascha Bertschinger, Oliver Leiser, Lukas Schär und Michael Schaerer, der sich mit der obigen These (These 4 von 12) auseinandersetzt.

Verkünde das Evangelium so oft du kannst, wenn nötig gebrauche Worte – Franz von Assisi, 12. Jh.

Ist missionale Theologie etwas Neues? Mit Sicherheit nicht. Der erste missionale Akt, wo Wort und Tat zusammenwirkten, war die Schöpfung. Gott sprach und es wurde. Auch Jesus hat Wort und Tat miteinander verknüpft. Er ging zu den Notleidenden, diente ihnen und erzählte ihnen das Evangelium. Vielleicht, besser gesagt offensichtlich, ist die missionale Theologie bei uns in den letzen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, oder wir setzen andere Schwerpunkte. Wir sind Meister darin, Gottes Liebe und sein Evangelium zu verkündigen, wissen aber oft nicht mehr, wie wir Gottes Liebe den Menschen im praktischen Leben zeigen können.

Viele Möglichkeiten gibt es heute, um einen Kurzeinsatz in fernen Ländern zu machen. Dort ist es auch einfach, den Menschen zu dienen. Es ist offensichtlich, dass jemand, der am Verhungern ist, etwas zu Essen braucht und jemand, der in der Nacht friert, eine warme Decke benötigt. Woran liegt es, dass wir den Menschen in unserem Umfeld nicht mehr helfen (können)? Wissen wir überhaupt, in welchen Nöten sie leben? Hier in der Schweiz haben die meisten genug zu essen und ein warmes Bett in der Nacht. Die Mängel liegen hier ganz wo anders. Viele Menschen sehnen sich heute nach tiefen, echten Beziehungen und Freundschaften. Wenn wir den Menschen in unserem Umfeld dienen wollen, müssen wir hier anknüpfen. Sie brauchen kein Brot um zu überleben, was sie brauchen sind Freundschaften, die sie durchs Leben tragen.

Gerade in der heutigen Zeit, in unserem Umfeld reicht es nicht, wenn wir einfach Worte verlieren. Wenn wir in der Schweiz einem Durchschnittsbürger sagen, dass er Jesus braucht, wird er berechtigt fragen, wozu? Ich habe doch alles, was ich für mein Leben brauche, wird seine Antwort sein und er hat nicht unrecht. Klar wissen wir, dass er dadurch nicht gerettet ist, jedoch wird ihn das in diesem Moment nicht wirklich interessieren, weil er ja alles hat. Die zweite Möglichkeit die wir haben, ist ihm zu sagen, dass sein Leben hier mit Jesus besser sein wird, als es jetzt ist. Darauf wird sich auf seiner Stirn ein grosses Fragezeichen bilden. Glauben wird er uns dies nur, wenn er es an unserem Leben sieht. Wenn wir also nicht mit Überzeugung sagen können, dass unser Leben mit Christus ein Gewinn ist und wir ihm dies nicht mit Beispielen erläutern und vorleben können, werden wir schlechte Karten haben.

Auch in der heutigen Zeit, in unserem Umfeld wird es nicht reichen, den Menschen nur das Evangelium zu predigen, wir müssen es ihnen vorleben, damit sie sehen und glauben können, was wir ihnen predigen.

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Die Grundlage der missionalen Theologie (3/6)

„Missionale Theologie nimmt die Tatsache ernst, dass Gott die Welt liebt (Joh 3,16) und ihre umfassende Erlösung und Wiederherstellung zum Ziel hat. Sie ist dem Rettungshandeln Gottes verpflichtet, indem sie den Menschen durch die Bindung an die Person Jesu in die ursprüngliche Schöpfungsordnung hineinführt, in der die Fülle des Lebens zu finden ist.“

Im März 2009 hat IGW „12 Thesen zur missionalen Theologie“ veröffentlicht, die seither rege diskutiert werden. Viele fragen sich: „Was bedeutet dieser Satz für mein persönliches Leben und für das meiner Kirche / meiner Gemeinschaft / meines Werkes?“ In den kommenden Wochen gehen geben IGW-Studierende ihre Gedanken dazu weiter. Der nachfolgende Post ist ein Gastbeitrag von Claudia Grimm, Jörg Kessler und Gisele Zürcher, der sich mit der obigen These (3/12) auseinandersetzt.

Gott liebt die Welt so sehr, dass er ihre umfassende Erlösung und Wiederherstellung zum Ziel hat. Er hat frei gewählt uns zu lieben. Gott liebt nicht nur die „guten Menschen“ und möchte nicht nur Seelenheil schenken, sondern der gesamten Schöpfung ganzheitlich Heil geben. Doch inwiefern sind wir an diesem Handeln Gottes beteiligt? Jesus fordert uns auf seine Gute Nachricht den Menschen in allen Nationen zu verkündigen (Mt 28,19-20). Nun könnten wir diesen Auftrag aus Pflichtgefühl ausführen, wie Maschinen funktionieren, statt aus Liebe angetrieben sein. Gottes treibende Kraft für den Erlösungsplan ist seine bedingungslose Liebe für die Menschen. Welche Rolle spielt diese Liebe in unseren Begegnungen mit Menschen und der Verkündigung des Wort Gottes? Ist diese Liebe auch für uns absolute Voraussetzung?

Vielleicht sind wir Christen manchmal in der Gefahr für Gott leisten zu wollen. Wir legen grossen Wert darauf, wie wir ihm gefallen, gehorchen, ja dienen können. Unser Handeln soll jedoch Hand in Hand mit unserer persönlichen Gottesbeziehung geschehen. Die Liebe Gottes soll auch unsere treibende Kraft sein. Deshalb ist es unumgänglich, Gottes Vaterherz kennen zulernen und wie Jesus, eine innige Beziehung zum Vater zu leben.

Christen müssen Gottes Gegenwart nicht nur zwischen Kirchenbänken, sondern auch „draussen“ in der Welt erwarten. Die Richtung hat von der zentripetalen (hinein fliessenden) zur zentrifugalen (hinaus fliessenden) Dynamik gewechselt. Gott wirkt in der Welt. Unsere Rolle ist es, heraus zu finden, wo er wirkt und dann neben ihm zu gehen. Viele Evangelikale glauben, dass sie Gott in die Welt nehmen. Das ist ein Dualismus, welcher die missionale Theologie nicht unterstützt. Es kommt oft vor, dass Menschen an Jesus glauben, um nach ihrem Tod in den Himmel zu kommen. In diesem Fall wird für den Himmel im Jenseits geworben. Stattdessen geht es im Evangelium darum, für Gott lebendiger in der Welt zu sein. Umfassende Wiederherstellung bedeutet zu versuchen, in allem, was man tut, das Reich Gottes auszudrücken. Diese Aktivitäten reflektieren den lokalen Kontext und sind deshalb in ihren Formen mannigfaltig.

Für uns Christen gibt es keine örtlichen und strukturellen Einschränkungen, um Menschen mit Gottes Liebe zu begegnen. Überall kann Gott hinein wirken. Aller moderne Dualismus kann überwunden werden. In der evangelikalen Kirche existiert oft nur ein Bild, wie Kirche sein kann, dabei lässt uns die Bibel viele Möglichkeiten offen, wie Gemeinschaft gelebt werden kann. Wenn wir das Ziel verfolgen, dass Gottes umfassende Erlösung und Wiederherstellung auf dieser Welt geschehen können, müssen wir auch unsere Denkweise und unser Verhalten verändern. Wir können auch im gewöhnlichen Alltag Menschen mit Gottes Liebe konfrontieren, damit sie die Fülle des Lebens finden können.

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Die Grundlage der missionalen Theologie (2/6)

Missionale Theologie ist eine Theologie der aktiven Teilnahme an Gottes Schöpfungs- und Erlösungshandeln. Damit die christliche Mission in einer leidenden Welt bedeutsam ist, muss die Kirche auf die aktuellen Fragen und Nöte ihres Umfeldes eingehen.

Der nachfolgende Post in ein Gastbeitrag von Dina Grädel, Alain Revilloud und Mirjam Sommer Schenk, der sich mit der obigen These (These 2 von 12) auseinandersetzt.

Der Kern dieser These liegt im Denken des Einzelnen. Sie umfasst das Verständnis des Mitgestaltens dieser Welt. Die Christen unserer Gemeinde warten nicht länger auf die Erlösung sondern arbeiten daran. Sie setzen Gottes Ideen auf dieser Welt mit ihren Händen um. Das Ziel ist nicht nur, eines Tages in das Reich Gottes einzugehen, sondern es schon hier und jetzt auf der Erde sichtbar zu machen und zu erleben.

Ist eine solche Ausrichtung überhaupt denkbar? Was braucht es, um eine solches Verständnis in der Gemeinde wachzurufen?

Der massgebende Faktor dieses Wandels ist die Verantwortung. Welche Verantwortung trage ich als Christ? Wir als Gemeinde? Sind wir Christen nicht dafür verantwortlich, dass die Menschen dieser Welt das Wort Gottes hören und sehen? Und wer ist dafür verantwortlich, dass Gottes Schöpfungs- und Erlösungshandeln in dieser Welt sichtbar wird? – Ist es Gott? Sind es die Gemeinden? – Wer ist dafür verantwortlich, wenn es nicht sichtbar wird?

Verantwortung tragen bedeutet sich verantwortlich fühlen und in Aktion treten. Denn Tatsache ist, wenn sich niemand verantwortlich fühlt, wird es nicht getan. Genauso verhält es sich mit der sozialen Verantwortung. Derjenige, der sich nicht verantwortlich fühlt jemandem zu helfen, wird es auch bestimmt nicht tun. Wieso sollte er auch?

Wir sind der Meinung, dass unsere Kirchen und deren Mitglieder unbedingt mehr Verantwortung tragen sollten. Die Verantwortung, selber Gottes Plan zu entdecken, und sich an seinem Handeln zu beteiligen. Das ist nicht nur Aufgabe der Pastoren, Evangelisten und Missionare. Die Verantwortung liegt auf jeder Gemeinde, jedem Christen. Das bedeutet, dass sie sich zwangsläufig mit den Fragen und Nöten ihres Umfelds auseinandersetzen und darauf eingehen.

Eine missionale Theologie fordert, uns selber zu prüfen, ob wir diese Verantwortung in unserem Leben, in unserer Familie, in unserer Gemeinde und in unserem Umfeld wahrnehmen.

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Die Grundlage der missionalen Theologie (1/6)

„Missionale Theologie weiss sich einer umfassenden biblischen Grundlage verpflichtet. Sie gründet auf Leben und Werk von Jesus Christus, auf dem Missionsbefehl (Mt 10, Mt 28, Mk 16, Lk 24, Apg 1) und auf dem Alten Testament.“

Im März 2009 hat IGW „12 Thesen zur missionalen Theologie“ veröffentlicht, die seither rege diskutiert werden. Viele fragen sich: „Was bedeutet dieser Satz für mein persönliches Leben und für das meiner Kirche / meiner Gemeinschaft / meines Werkes?“

In den kommenden Wochen gehen geben IGW-Studierende ihre Gedanken dazu weiter. Der nachfolgende Post in ein Gastbeitrag von Sarah Dosch, Matthias Gremlich, Reto Lussi und Jessica Zehnder, der sich mit der obigen These (These 1 von 12) auseinandersetzt.

Da sich Missionale Theologie einer umfassenden biblischen Grundlage verpflichtet weiss, ist es die Aufgabe der heutigen Gemeinde, diese ernst zu nehmen und nach Möglichkeiten der Umsetzung zu suchen. Dabei nehmen Jesu Leben und Wirken eine zentrale Rolle ein, ist es doch unser Ziel ihm gleich zu werden (Röm 8,29). Mit der Lesung aus der Schriftrolle in Lk 4,17ff bezeichnet Jesus den Auftrag seiner Sendung. Den Armen die Gute Botschaft zu verkünden, Gefangenen Freiheit auszurufen, den Blinden, dass sie sehen werden, Unterdrückten, dass sie frei werden und das angenehme Jahr des Herrn zu verkünden; das sind die Eckpfeiler der Sendung von Jesus und damit auch von unserer Berufung.

Um diesen Auftrag nach aussen wahrzunehmen, bedarf es einer konstanten Sammlung und Sendung. Wir sehen im Leben von Jesus beide Schwerpunkte, hat er doch einerseits die Jünger gesammelt, indem er sie zu sich gerufen, gelehrt und trainiert hat und andererseits immer wieder auch ausgesendet, um sich selbst zu multiplizieren. Den Höhepunkt dessen finden wir im Ereignis der Himmelfahrt Jesu, welches das Wirken „sammelnde Wirken“ des Heiligen Geistes an der Gemeinde mit ihrem Sendungsauftrag untrennbar verbindet (Apg 1,8).

Wir können den Auftrag der Sendung jedoch nicht nur bei Jesus und seinen Jüngern beobachten, sondern finden es auch im Alten Testament. Schon durch den Glauben und die daraus folgenden Taten des Volkes Israel sollten die Nationen Gottes Allmacht und Barmherzigkeit erkennen (2Mos 21,1ff.22,20–23,9; 3Mos 25,1ff; 5Mos 10,17ff). Wie die neutestamentliche Gemeinde sollten auch sie Gottes Licht in der Welt leuchten lassen (Mt 5,14f). Nur ein Glaube, der sich auch in praktischen Taten zeigt, ist im Sinne Gottes (Jak 2,26). Und deshalb ist es unsere Bestimmung, dass wir unsere Sendung erkennen und diese wahrnehmen.

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Cox und die Kirche der Zukunft

Durch Zufall bin ich vor einiger Zeit auf ein kleines Buch mit dem Titel Der Christ als Rebell oder Streitreden gegen die Trägheit von Harvey Cox gestoßen. Mir scheint, dass der Autor ein gutes Feeling dafür gehabt hat, auf welche Veränderungen die Kirche in Zukunft zugeht. Ich muss dazu sagen, dass das Buch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen ist. Er hat seine Gedanken demnach vor über 40 Jahren zu Papier gebracht. Er schreibt folgende bemerkenswerte Sätze:

Die Kirche der Zukunft wird kleiner, beweglicher, flexibler, sehr viel disziplinierter und in bezug auf die Form ihres gottesdienstlichen Lebens vielseitiger sein. Sie wird viel fröhlicher und sehr viel weniger feierlich sein, als wir es sind, wenn wir zusammenkommen. Sie wird viel weniger predigerorientiert, viel weniger kultisch, dafür diskussionsfreudiger und bereiter zum Geben und Nehmen sein.

Aus: Cox, Harvey 1968.  Der Christ als Rebell oder Streitreden gegen die Trägheit,S. 71f.

Wenn ich solche und weitere Sätze lese, dann staune ich darüber, wie nahe die Beschreibung der missionalen Gemeinde ist.

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