Chrampfe! Verlieren postmoderne Christen das Erbe der reformierten Arbeitsethik?

Jean_Calvin

Jean_Calvin

In einer grösseren Firma in der Schweiz treffe ich drei Führungskräfte aus dem mittleren Kader. Das Gespräch dreht sich, wie heute fast immer, um das Thema Wirtschaftskrise. Stellen wurden abgebaut, und die Mitarbeiter, die noch da sind, versinken in der Arbeit – so auch die Abteilung von T. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erwähnt T. seinen Teamleader P., der zwar gute Arbeit leiste, ehrlich und freundlich sei, der aber jeden Abend um punkt 16.55 Uhr Feierabend macht. Der Rest des Teams macht danach noch die Arbeit fertig. T. meine dann zum Schluss noch, dass P. halt fromm sein und in irgendeine Kirche gehe…

Ich kenne P. nicht näher. Es kann sein, dass er Familienvater ist, sich aktiv in der Kirche beteiligt oder dass er meisterlich ausgeglichen seine Work-Life Balance pflegt. Alles tipp-topp, und doch…

Das Erlebnis ist für mich beispielhaft für etwas Vages, das ich seit ein paar Monaten meine zu beobachten. Haben die Christen verlernt zu „chrampfen“? Haben wir das Erbe der reformierten Arbeitsethik verloren?

Ich treffe je länger je weniger Christen, die gerne arbeiten. Leute, die bereit sind, für ihren Job zu investieren, Überstunden zu machen, dem Kunden einen hervorragenden Service zu bieten, gute Arbeit zu leisten, auch wenn es niemand direkt sieht…. Viele hangeln sich von Wochenende zu Wochenende und beklagen sich oft über den Job: vielleicht ist der Chef blöd, das Gehalt zu tief, die Arbeitsbedingungen zu schwer, das Klima zu weltlich…

Im Zuge des Dauerbrenner–Themas Berufung wünsche ich mir, dass der BERUF-ung mit mehr Leidenschaft nachgelebt wird. Wie kann man beruf-en sein und solch lausige Arbeit leisten?

Hast du auch schon ähnliche Beobachtungen gemacht? Deine Gedanken würden mich interessieren.

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3 Responses to “Chrampfe! Verlieren postmoderne Christen das Erbe der reformierten Arbeitsethik?”

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  1. Andi says:

    Hallo Chrigu
    Eine spannende Beobachtung. Ich habe meine DA dem Thema „Arbeit“ gewidmet. Ein Auslöser für die DA waren unter anderem solche Erlebnisse, wie du sie im Blog erwähnst. Warum Arbeiten Christen nicht gerne? Ich begegne selten Christen welche Berufung mit ihrer Arbeit verbinden. Berufung spielt sich in der Kirche oder zumindest in einem missionarischen oder sozialen Projekt ab. Profane Arbeit wird oft mit dem dornenüberwachsenen Erdboden in Verbindung gebracht-> Mühe, Frust und Sinnlosigkeit. Ich finde es nötig, dass sich Christen neu bewusst werden, welche Adelung die Arbeit in der Bibel erfährt. Gott selber ist ein arbeitender Gott, der uns durch unsere Arbeit Anteil an der Wiederherstellung der Welt gibt. So eine Kernaussage meiner DA.
    Auf der anderen Seite sind es eben genau auch die Christen, die um die Grenzen der Arbeit wissen. Der Sabbat zwingt uns, einmal in der Woche von der Arbeit innezuhalten und uns auf Gott zu besinnen. Von ihm sind wir zuletzt gehalten. „Liebe“ zur Arbeit darf nicht zwangsläufig an der Länge der Arbeitszeit gemessen werden. WEnn jemand aber einen Grund hat, am Montag motiviert an der Arbeit zu erscheinen, dann die Christen

  2. Mike says:

    So, dann halte ich mal ein bisschen dagegen. Ich glaube nicht, dass mit dieser Einstellung Christen besonders aus dem Rahmen fallen. Aus meiner Sicht, lebt ein Grossteil der Leute vor allem fürs Wochenende und klagt mehr oder weniger über den Job. Ich glaube nicht, dass es ein christliches Phänomen ist. Gut, vielleicht kann man sagen, Christen haben sich da angepasst. Das kann sein.
    Kann man auch gerne arbeiten ohne zu viel zu arbeiten? Das wäre eine interessante Frage.
    Diejenigen, die nicht aufs Wochenende hin arbeiten, sind ja eher in der Gefahr zu viel zu arbeiten. Betrifft natürlich vor allem Kaderleute. Da ist wohl teilweise die gewünschte Leidenschaft da, der grosse Einsatz geht jedoch häufig auf Kosten der Familie, Ehe und der persönlichen Balance und das kann ja auch nicht das Ziel der christlichen Arbeitsethik sein… Also ein grosses Hurra auf Krampfen würde ich nicht unterschreiben. Gerne arbeiten und doch eine gesunde Balance zwischen Beruf, Beziehungen und Hobbies zu halten. Das ist wohl die Kunst.

  3. Holger says:

    Auch ich möchte wie Mike bezweifeln, dass es sich um ein christliches Phänomen handelt. Aus persönlicher Erfahrung meine ich, dass viele Leute zu viel arbeiten, unabhängig davon, ob sie ihre Arbeit mögen. Die Gründe dafür liegen nicht selten in der Angst, als „schlechter“ Arbeitnehmer betrachtet zu werden, dem als nächstem die Kündigung droht.
    Warum sollte jemand mehr arbeiten als er entlohnt wird? Dabei geht es weniger um einige Überstunden hier und da, wenn Not am Mann ist. Das Problem liegt in der systematischen Erwartung eines Arbeitgebers, das jemand über die vertraglichen Vereinbarungen hinaus arbeitet, möglicherweise ohne Gegenleistung (nicht zwangsläufig Geld). Der Einzige der davon profitiert, wäre der Arbeitgeber – auf Kosten der Gesundheit seiner Mitarbeiter.
    Unter solchen Voraussetzungen fällt es schwer, einen Beruf als Berufung zu empfinden.

    Mir stellt sich bei Deinem Beispiel die Frage, wieso Arbeitsstellen abgebaut werden, wenn die Arbeit an sich noch vorhanden ist?
    Und warum meinst Du, dass jemand, der lt. Arbeitgeber „gute Arbeit“ leistet, „lausige Arbeit“ leistet, nur weil er die Vereinbarung mit seinem Vertragspartner einhält?

    Ich selber empfinde meinen Beruf als Berufung. Insofern schaue ich nicht so genau auf die Uhr. Das hängt aber auch daran, dass ich selbständiger Unternehmer bin.
    Ich meine, Engagement hängt nicht von der Arbeitszeit ab.