Archiv für Januar 2010

Ein frischer Happen NT-Theologie

Ein Gastbeitrag von Heinz Röthlisberger, Studienleiter IGW Zürich. Der Text stammt aus einer theologischen Diskussion, die per E-Mail geführt wurde – und vielleicht noch wird…

Ich habe mir in den Ferien 4 je ungefähr einstündige Referate von Bischof Nicholas Thomas (N. T.) Wright (einem der führenden Neutestamentler weltweit) angehört. Inhalt: Jesus und das Reich Gottes, Jesus und das Kreuz, Jesus und Gott, Jesus als das Licht der Welt. [Die Referate gibt's auf Englisch hier zum Download.] In diesen Referaten spannt er einen faszinierenden und für mich in vielen Aspekten neuen Bogen: Jesus Christus als derjenige, der an Israels Stelle steht, an Israels Stelle das Gericht für Ungehorsam auf sich nimmt und schliesslich an Israels Stelle als wahres Licht für alle Nationen aufersteht und eine neue Schöpfung beginnt. In Christus wird Gottes Gegenwart, die Israel zugedacht war, konkret. Er stellt Jesus konsequent und radikal als Juden, als Israeliten, als Menschen aus seiner Zeit und seinem Umfeld dar. Er zeigt auf, welches die Messiaserwartungen und Gottesreichvorstellungen waren und wie Jesus Christus voll und ganz in jüdischer Tradition stand, wenn auch nicht von allen so erkannt. Kurz gesagt: Wir sollen heute für die Welt das sein, was Christus für Israel war.

Weshalb erzähle ich das?

Vor diesem Hintergrund erhalten einige Gleichnisse (die N. T. Wright klar als an Israel, und nicht als an Jesu Nachfolger im engeren, und schon gar nicht als an Christen im nachpfingstlichen Sinn gerichtet sieht) eine neue Bedeutung: Zum Beispiel wird theologisch verständlich, weshalb gemäss einigen Jesus-Gleichnissen doch ein paar Nachfolger in der Hölle landen (Mt 25,30!). Wir verstehen das als an Nachfolger Jesu gerichtet. Christus ist dann derjenige, der nach seinem ersten Kommen nun im Himmel ist und bei seinem zweiten Kommen Rechenschaft von seinen Nachfolgern einfordern wird. Wenn das so wäre, hätte man (und ich hatte es bisher immer…) das Problem, wie man das Verlorengehen/Verstossenwerden von Gläubigen im Endgericht erklären soll. Das passt nicht in die innerbiblische Gesamtbotschaft.

Die alternative Sicht N. T. Wrights: Israel war zwar physisch aus dem Exil zurück, vom Volksempfinden her dauerte aber das Exil immer noch an, denn Gottes volle Gegenwart war durch verschiedene äussere politische und soziale Umstände nicht spürbar, was auch die Messiaserwartung förderte. Man erwartete den Messias, der den Kampf gegen die Heiden gewinnt und dem Tempeldienst wieder die volle Herrlichkeit zurückgibt. Das wiederum hätte dann die Tür geöffnet, damit wieder die volle Gegenwart JHWHs bei seinem Volk möglich gewesen wäre. Da kam Jesus ins Spiel: Er übernahm nicht nur das erste (wobei, nicht in einem wörtlichen, sondern in einem symbolischen Sinn, siehe Tempelreinigung), sondern er ging noch weiter, als die jüdische Messiaserwartung je reichte: In ihm wurde Gottes Gegenwart greifbar.

Aber eben: Der weggehende Herr im Gleichnis ist dann NICHT Jesus, sondern JHWH, auf den Israel wartet. Und wenn aber die Reden an Israel gerichtet sind, so geht es um den einen Teil Israels, der sich in Gehorsam auf Gottes Reich einlässt (die spätere messianische Gemeinschaft / ntl. Gemeinde) und den anderen Teil, der Gottes wahres Licht der Nationen, Jesus, zurückweist und dadurch unter das Gericht fällt. In diesem Zusammenhang interpretiert er auch das Gleichnis der Talente neu.

Jetzt bin ich länger geworden als geplant, die Theologie hat mich gepackt. Ist das nachvollziehbar? Ich werde auch selber noch sehr viel daran weiterhirnen… und beten… und zweifeln… und glauben.

Ein Gastbeitrag von Heinz Röthlisberger, Studienleiter IGW Zürich. Der Text stammt aus einer theologischen Diskussion, die per E-Mail geführt wurde – und vielleicht noch wird…

Ich habe mir in den Ferien 4 je ungefähr einstündige Referate von Bischof Nicholas Thomas (N. T.) Wright (einer der führenden Neutestamentler weltweit) angehört. Inhalt: Jesus und das Reich Gottes, Jesus und das Kreuz, Jesus und Gott, Jesus als das Licht der Welt. (Die Referate gibt’s auf Englisch hier zum Download.) In diesen Referaten spannt er einen faszinierenden und für mich in vielen Aspekten neuen Bogen: Jesus Christus als derjenige, der an Israels Stelle steht, an Israels Stelle das Gericht für Ungehorsam auf sich nimmt und schliesslich an Israels Stelle als wahres Licht für alle Nationen aufersteht und eine neue Schöpfung beginnt. In Christus wird Gottes Gegenwart, die Israel zugedacht war, konkret. Er stellt Jesus konsequent und radikal als Juden, als Israeliten, als Menschen aus seiner Zeit und seinem Umfeld dar. Er zeigt auf, welches die Messiaserwartungen und Gottesreichvorstellungen waren und wie Jesus Christus voll und ganz in jüdischer Tradition stand, wenn auch nicht von allen so erkannt. Kurz gesagt: Wir sollen heute für die Welt das sein, was Christus für Israel war.

Weshalb erzähle ich das?

Vor diesem Hintergrund erhalten einige Gleichnisse (die N. T. Wright klar als an Israel, und nicht als an Jesu Nachfolger im engeren, und schon gar nicht als an Christen im nachpfingstlichen Sinn gerichtet sieht) eine neue Bedeutung: Zum Beispiel wird theologisch verständlich, weshalb gemäss einigen Jesus-Gleichnissen doch ein paar Nachfolger in der Hölle landen (Mt 25,30!). Wir verstehen das als an Nachfolger Jesu gerichtet. Christus ist dann derjenige, der nach seinem ersten Kommen nun im Himmel ist und bei seinem zweiten Kommen Rechenschaft von seinen Nachfolgern einfordern wird. Wenn das so wäre, hätte man (und ich hatte es bisher immer…) das Problem, wie man das Verlorengehen/Verstossenwerden von Gläubigen im Endgericht erklären soll. Das passt nicht in die innerbiblische Gesamtbotschaft.

Die alternative Sicht N. T. Wrights: Israel war zwar physisch aus dem Exil zurück, vom Volksempfinden her dauerte aber das Exil immer noch an, denn Gottes volle Gegenwart war durch verschiedene äussere politische und soziale Umstände nicht spürbar, was auch die Messiaserwartung förderte. Man erwartete den Messias, der den Kampf gegen die Heiden gewinnt und dem Tempeldienst wieder die volle Herrlichkeit zurückgibt. Das wiederum hätte dann die Tür geöffnet, damit wieder die volle Gegenwart JHWHs bei seinem Volk möglich gewesen wäre. Da kam Jesus ins Spiel: Er übernahm nicht nur das erste (wobei, nicht in einem wörtlichen, sondern in einem symbolischen Sinn, siehe Tempelreinigung), sondern er ging noch weiter, als die jüdische Messiaserwartung je reichte: In ihm wurde Gottes Gegenwart greifbar.

Aber eben: Der weggehende Herr im Gleichnis ist dann NICHT Jesus, sondern JHWH, auf den Israel wartet. Und wenn aber die Reden an Israel gerichtet sind, so geht es um den einen Teil Israels, der sich in Gehorsam auf Gottes Reich einlässt (die spätere messianische Gemeinschaft / ntl. Gemeinde) und den anderen Teil, der Gottes wahres Licht der Nationen, Jesus, zurückweist und dadurch unter das Gericht fällt. In diesem Zusammenhang interpretiert er auch das Gleichnis der Talente neu.

Jetzt bin ich länger geworden als geplant, die Theologie hat mich gepackt. Ist das nachvollziehbar? Ich werde auch selber noch sehr viel daran weiterhirnen… und beten… und zweifeln… und glauben.

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Der Übersetzungs-Overkill

Im Oktober erschien nach langer Arbeit und langem Warten das komplette Neue Testament der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). Ich war gespannt darauf, vor allem seit ich eine Vorschau auf das geplante Layout erhalten hatte. Das NGÜ-NT ist als exklusives, den populären Moleskine-Notizbüchern nach­empfundenes Schmuckstück erschienen. Die Präsentation spricht mich sehr an. Ich finde sie überraschend frisch, kreativ, mutig und inspirierend. Wer gerne schöne Bücher hat, wird sich daran freuen können. Doch natürlich geht es nicht nur um die Präsentation. Die Gesamtausgabe des NGÜ-NT wurde sehnlichst erwartet, weil diese Übersetzung sich in den letzten Jahre bei vielen Bibellesern fest etabliert hat: Sie ist sehr gut lesbar und bemüht sich dabei doch um Nähe zum Original­text. Ich finde, die Arbeit ist gut gelungen.

Und doch wirft das Erscheinen der NGÜ bei mir Fragen auf: noch eine deutsche Übersetzung? Wozu? Wird die Bibel deshalb mehr gelesen? Wird sie besser verstanden? Kommt sie im Leben der Gläubigen besser zum Ausdruck? – Im deutschen Sprachraum schwimmen wir in Bibelübersetzungen, während es in anderen Teilen der Welt immer noch Christen gibt, die noch nicht einmal ein einziges biblisches Buch in ihrer Sprache lesen können. Sind die enormen Ressourcen, die in die Übersetzungsarbeit fliessen, wirklich gerecht eingesetzt? Können wir eine weitere deutsche Übersetzung verantworten? (Diese Fragen sind natürlich nicht an die NGÜ gebunden. Ihr Erscheinen hat sie bei mir einfach neu in den Vordergrund getragen.)

Bei jeder neuen Übersetzung scheine weitere Bibelübersetzungwingt ja mit, dass das, was bisher an deutschen Bibeln zur Verfügung stand, (noch) nicht das Gelbe vom Ei war. Dieses Gelbe vom Ei braucht es aber unbedingt, damit … ja, wozu eigentlich? Ein wichtiges Anliegen scheint zu sein, dass der Einzelne von seiner Bibellektüre optimal profitieren kann. Dazu brauche es auch die optimale Formulierung in der Muttersprache. Die Annahme, dass die beste Übersetzung den wichtigsten Schlüssel zum wahren Verständnis der Bibel bedeutet, halte ich jedoch für einen Trugschluss. Sie fördert das Bild des einsamen Bibellesers, der in der stillen Kammer über der Bibel brütet und nichts anderes benötigt. Die Bibel – davon bin ich fest überzeugt – will uns aber ins Gespräch führen – ins Gespräch miteinander und ins Gespräch mit all denen, die sie vor uns gelesen und ihre Überlegungen aufgeschrieben haben. Diese Impulse brauchen wir, wenn wir die Schriften des Alten und des Neuen Testamentes verstehen und leben wollen. Sie sind nötiger als möglichst “textnahe”, “zuverlässige”, “verständliche” oder wie man sie auch immer bewerben möchte deutsche Übersetzungen. Wir müssen Bücher lesen, die uns helfen, Denken und Leben jener Menschen zu verstehen, deren Geschichten wir hier lesen. Vor allem aber brauchen wir das offene und engagierte Gespräch über den biblischen Texten und über die Konsequenzen, die sie nach sich ziehen. Dieses Gespräch bringt uns mehr lebensverändernde Erkenntnis – selbst wenn die Lektüre auf der unrevidierten Lutherbibel beruht

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