Der Übersetzungs-Overkill

Im Oktober erschien nach langer Arbeit und langem Warten das komplette Neue Testament der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). Ich war gespannt darauf, vor allem seit ich eine Vorschau auf das geplante Layout erhalten hatte. Das NGÜ-NT ist als exklusives, den populären Moleskine-Notizbüchern nach­empfundenes Schmuckstück erschienen. Die Präsentation spricht mich sehr an. Ich finde sie überraschend frisch, kreativ, mutig und inspirierend. Wer gerne schöne Bücher hat, wird sich daran freuen können. Doch natürlich geht es nicht nur um die Präsentation. Die Gesamtausgabe des NGÜ-NT wurde sehnlichst erwartet, weil diese Übersetzung sich in den letzten Jahre bei vielen Bibellesern fest etabliert hat: Sie ist sehr gut lesbar und bemüht sich dabei doch um Nähe zum Original­text. Ich finde, die Arbeit ist gut gelungen.

Und doch wirft das Erscheinen der NGÜ bei mir Fragen auf: noch eine deutsche Übersetzung? Wozu? Wird die Bibel deshalb mehr gelesen? Wird sie besser verstanden? Kommt sie im Leben der Gläubigen besser zum Ausdruck? – Im deutschen Sprachraum schwimmen wir in Bibelübersetzungen, während es in anderen Teilen der Welt immer noch Christen gibt, die noch nicht einmal ein einziges biblisches Buch in ihrer Sprache lesen können. Sind die enormen Ressourcen, die in die Übersetzungsarbeit fliessen, wirklich gerecht eingesetzt? Können wir eine weitere deutsche Übersetzung verantworten? (Diese Fragen sind natürlich nicht an die NGÜ gebunden. Ihr Erscheinen hat sie bei mir einfach neu in den Vordergrund getragen.)

Bei jeder neuen Übersetzung scheine weitere Bibelübersetzungwingt ja mit, dass das, was bisher an deutschen Bibeln zur Verfügung stand, (noch) nicht das Gelbe vom Ei war. Dieses Gelbe vom Ei braucht es aber unbedingt, damit … ja, wozu eigentlich? Ein wichtiges Anliegen scheint zu sein, dass der Einzelne von seiner Bibellektüre optimal profitieren kann. Dazu brauche es auch die optimale Formulierung in der Muttersprache. Die Annahme, dass die beste Übersetzung den wichtigsten Schlüssel zum wahren Verständnis der Bibel bedeutet, halte ich jedoch für einen Trugschluss. Sie fördert das Bild des einsamen Bibellesers, der in der stillen Kammer über der Bibel brütet und nichts anderes benötigt. Die Bibel – davon bin ich fest überzeugt – will uns aber ins Gespräch führen – ins Gespräch miteinander und ins Gespräch mit all denen, die sie vor uns gelesen und ihre Überlegungen aufgeschrieben haben. Diese Impulse brauchen wir, wenn wir die Schriften des Alten und des Neuen Testamentes verstehen und leben wollen. Sie sind nötiger als möglichst „textnahe“, „zuverlässige“, „verständliche“ oder wie man sie auch immer bewerben möchte deutsche Übersetzungen. Wir müssen Bücher lesen, die uns helfen, Denken und Leben jener Menschen zu verstehen, deren Geschichten wir hier lesen. Vor allem aber brauchen wir das offene und engagierte Gespräch über den biblischen Texten und über die Konsequenzen, die sie nach sich ziehen. Dieses Gespräch bringt uns mehr lebensverändernde Erkenntnis – selbst wenn die Lektüre auf der unrevidierten Lutherbibel beruht

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6 Responses to “Der Übersetzungs-Overkill”

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  1. Danke für diesen Artikel, denn das muss uns – auch angesichts der Freude an der NGÜ – tatsächlich wieder in Erinnerung gerufen werden: Während wir im Westen fast schon schwimmen in verschieden(artig)en Bibelübersetzungen, gibt es noch über 2000 Sprachen, in denen kein einziges Wort der Bibel übersetzt ist und noch nicht mal mit den Vorbereitungsarbeiten dazu angefangen wurde. Im Dritten Jahrtausend nach Christus ist das eine Schande…!

  2. Steffen says:

    Ich begreife die Vielfalt der Übersetzungen als großen Reichtum. Da in den kommunikativen Übersetzungen/Übertragungen auch immer ein Stück Interpretation und Auslegung mitschwingt, lässt sich z.B. im Hauskreis mit mehreren Bibelausgaben vergleichen, welche sprachlichen Lösungen die verschiedenen Autoren für eine Stelle vorschlagen möchten. Für mich ist das eher eine Bereicherung. Die NGÜ gefällt mir übrigens auch sehr gut. Sie füllt für mich eine Lücke.

  3. Profilbild von Cla Cla says:

    Hi Steffen. Klar, ein Reichtum steckt da schon drin. Und ich empfinde den Vergleich der Varianten auch oft als Bereicherung. Ich frage mich einfach, ob wir uns diese Üppigkeit leisten können – und wie wir siedenen gegenüber begründen wollen, die noch nichts in ihrer Sprache haben. Ausserdem:
    – Einen Übersetzungsvergleich kann man auch mit 5 Übersetzungen machen.
    – Der Übersetzungsvergleich kann auch auf falsche Fährten führen, wenn der Ausleger oder die Auslegerin ihn einfach als Auswahl gleichwertiger Übersetzungsmöglichkeiten sieht, die dann mit Bedeutungsmöglichkeiten gleichgesetzt werden. Wer Übersetzungen vergleicht, muss auch Faktoren in Betracht ziehen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind – z. B. die Textbasis oder die Übersetzungsphilosophie.

  4. TT says:

    Wow, das klingt als wurde hier wirklich gute Arbeit geleistet. Gratulation, und danke für den Artikel.

  5. Wie lange wurde denn an der neuen Übersetzung gearbeitet? Vielen Dank für die Information.

  6. Profilbild von Cla Cla says:

    In diesem Artikel steht, dass die Arbeit 15 Jahre gedauert hat: http://www.jesus.ch/index.php/D/article/153-Vermischtes/48027-Neue_Genfer_Uebersetzung_fertiggestellt/
    Auf der Seite der NGÜ (www.ngue.info) habe ich leider keine Angabe gefunden.