Ein frischer Happen NT-Theologie

Ein Gastbeitrag von Heinz Röthlisberger, Studienleiter IGW Zürich. Der Text stammt aus einer theologischen Diskussion, die per E-Mail geführt wurde – und vielleicht noch wird…

Ich habe mir in den Ferien 4 je ungefähr einstündige Referate von Bischof Nicholas Thomas (N. T.) Wright (einem der führenden Neutestamentler weltweit) angehört. Inhalt: Jesus und das Reich Gottes, Jesus und das Kreuz, Jesus und Gott, Jesus als das Licht der Welt. [Die Referate gibt’s auf Englisch hier zum Download.] In diesen Referaten spannt er einen faszinierenden und für mich in vielen Aspekten neuen Bogen: Jesus Christus als derjenige, der an Israels Stelle steht, an Israels Stelle das Gericht für Ungehorsam auf sich nimmt und schliesslich an Israels Stelle als wahres Licht für alle Nationen aufersteht und eine neue Schöpfung beginnt. In Christus wird Gottes Gegenwart, die Israel zugedacht war, konkret. Er stellt Jesus konsequent und radikal als Juden, als Israeliten, als Menschen aus seiner Zeit und seinem Umfeld dar. Er zeigt auf, welches die Messiaserwartungen und Gottesreichvorstellungen waren und wie Jesus Christus voll und ganz in jüdischer Tradition stand, wenn auch nicht von allen so erkannt. Kurz gesagt: Wir sollen heute für die Welt das sein, was Christus für Israel war.

Weshalb erzähle ich das?

Vor diesem Hintergrund erhalten einige Gleichnisse (die N. T. Wright klar als an Israel, und nicht als an Jesu Nachfolger im engeren, und schon gar nicht als an Christen im nachpfingstlichen Sinn gerichtet sieht) eine neue Bedeutung: Zum Beispiel wird theologisch verständlich, weshalb gemäss einigen Jesus-Gleichnissen doch ein paar Nachfolger in der Hölle landen (Mt 25,30!). Wir verstehen das als an Nachfolger Jesu gerichtet. Christus ist dann derjenige, der nach seinem ersten Kommen nun im Himmel ist und bei seinem zweiten Kommen Rechenschaft von seinen Nachfolgern einfordern wird. Wenn das so wäre, hätte man (und ich hatte es bisher immer…) das Problem, wie man das Verlorengehen/Verstossenwerden von Gläubigen im Endgericht erklären soll. Das passt nicht in die innerbiblische Gesamtbotschaft.

Die alternative Sicht N. T. Wrights: Israel war zwar physisch aus dem Exil zurück, vom Volksempfinden her dauerte aber das Exil immer noch an, denn Gottes volle Gegenwart war durch verschiedene äussere politische und soziale Umstände nicht spürbar, was auch die Messiaserwartung förderte. Man erwartete den Messias, der den Kampf gegen die Heiden gewinnt und dem Tempeldienst wieder die volle Herrlichkeit zurückgibt. Das wiederum hätte dann die Tür geöffnet, damit wieder die volle Gegenwart JHWHs bei seinem Volk möglich gewesen wäre. Da kam Jesus ins Spiel: Er übernahm nicht nur das erste (wobei, nicht in einem wörtlichen, sondern in einem symbolischen Sinn, siehe Tempelreinigung), sondern er ging noch weiter, als die jüdische Messiaserwartung je reichte: In ihm wurde Gottes Gegenwart greifbar.

Aber eben: Der weggehende Herr im Gleichnis ist dann NICHT Jesus, sondern JHWH, auf den Israel wartet. Und wenn aber die Reden an Israel gerichtet sind, so geht es um den einen Teil Israels, der sich in Gehorsam auf Gottes Reich einlässt (die spätere messianische Gemeinschaft / ntl. Gemeinde) und den anderen Teil, der Gottes wahres Licht der Nationen, Jesus, zurückweist und dadurch unter das Gericht fällt. In diesem Zusammenhang interpretiert er auch das Gleichnis der Talente neu.

Jetzt bin ich länger geworden als geplant, die Theologie hat mich gepackt. Ist das nachvollziehbar? Ich werde auch selber noch sehr viel daran weiterhirnen… und beten… und zweifeln… und glauben.

Ein Gastbeitrag von Heinz Röthlisberger, Studienleiter IGW Zürich. Der Text stammt aus einer theologischen Diskussion, die per E-Mail geführt wurde – und vielleicht noch wird…

Ich habe mir in den Ferien 4 je ungefähr einstündige Referate von Bischof Nicholas Thomas (N. T.) Wright (einer der führenden Neutestamentler weltweit) angehört. Inhalt: Jesus und das Reich Gottes, Jesus und das Kreuz, Jesus und Gott, Jesus als das Licht der Welt. (Die Referate gibt’s auf Englisch hier zum Download.) In diesen Referaten spannt er einen faszinierenden und für mich in vielen Aspekten neuen Bogen: Jesus Christus als derjenige, der an Israels Stelle steht, an Israels Stelle das Gericht für Ungehorsam auf sich nimmt und schliesslich an Israels Stelle als wahres Licht für alle Nationen aufersteht und eine neue Schöpfung beginnt. In Christus wird Gottes Gegenwart, die Israel zugedacht war, konkret. Er stellt Jesus konsequent und radikal als Juden, als Israeliten, als Menschen aus seiner Zeit und seinem Umfeld dar. Er zeigt auf, welches die Messiaserwartungen und Gottesreichvorstellungen waren und wie Jesus Christus voll und ganz in jüdischer Tradition stand, wenn auch nicht von allen so erkannt. Kurz gesagt: Wir sollen heute für die Welt das sein, was Christus für Israel war.

Weshalb erzähle ich das?

Vor diesem Hintergrund erhalten einige Gleichnisse (die N. T. Wright klar als an Israel, und nicht als an Jesu Nachfolger im engeren, und schon gar nicht als an Christen im nachpfingstlichen Sinn gerichtet sieht) eine neue Bedeutung: Zum Beispiel wird theologisch verständlich, weshalb gemäss einigen Jesus-Gleichnissen doch ein paar Nachfolger in der Hölle landen (Mt 25,30!). Wir verstehen das als an Nachfolger Jesu gerichtet. Christus ist dann derjenige, der nach seinem ersten Kommen nun im Himmel ist und bei seinem zweiten Kommen Rechenschaft von seinen Nachfolgern einfordern wird. Wenn das so wäre, hätte man (und ich hatte es bisher immer…) das Problem, wie man das Verlorengehen/Verstossenwerden von Gläubigen im Endgericht erklären soll. Das passt nicht in die innerbiblische Gesamtbotschaft.

Die alternative Sicht N. T. Wrights: Israel war zwar physisch aus dem Exil zurück, vom Volksempfinden her dauerte aber das Exil immer noch an, denn Gottes volle Gegenwart war durch verschiedene äussere politische und soziale Umstände nicht spürbar, was auch die Messiaserwartung förderte. Man erwartete den Messias, der den Kampf gegen die Heiden gewinnt und dem Tempeldienst wieder die volle Herrlichkeit zurückgibt. Das wiederum hätte dann die Tür geöffnet, damit wieder die volle Gegenwart JHWHs bei seinem Volk möglich gewesen wäre. Da kam Jesus ins Spiel: Er übernahm nicht nur das erste (wobei, nicht in einem wörtlichen, sondern in einem symbolischen Sinn, siehe Tempelreinigung), sondern er ging noch weiter, als die jüdische Messiaserwartung je reichte: In ihm wurde Gottes Gegenwart greifbar.

Aber eben: Der weggehende Herr im Gleichnis ist dann NICHT Jesus, sondern JHWH, auf den Israel wartet. Und wenn aber die Reden an Israel gerichtet sind, so geht es um den einen Teil Israels, der sich in Gehorsam auf Gottes Reich einlässt (die spätere messianische Gemeinschaft / ntl. Gemeinde) und den anderen Teil, der Gottes wahres Licht der Nationen, Jesus, zurückweist und dadurch unter das Gericht fällt. In diesem Zusammenhang interpretiert er auch das Gleichnis der Talente neu.

Jetzt bin ich länger geworden als geplant, die Theologie hat mich gepackt. Ist das nachvollziehbar? Ich werde auch selber noch sehr viel daran weiterhirnen… und beten… und zweifeln… und glauben.

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One Response to “Ein frischer Happen NT-Theologie”

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  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Finde ich sehr spannend und anregend. Werde mir gleich die Dateien herunterladen.
    Ulrich