Der Unsinn pastoraler Abgrenzung

Ich lese gerade Total Church von Tim Chester und Steve Timmis. Steve Timmis wird am IGW-Kongress diesen September unser Hauptreferent sein. Was ich in diesem relativ schlanken Buch (200 Seiten, das findet man nicht mehr oft) lese, macht mich neugierig auf mehr.

Es folgt ein Müsterchen (Seite 124, Übersetzung Handgelenk mal Pi durch mich). Im Kapitel, dem der Text entommen ist, geht es darum, dass Hirten (Pastoren) vor allem einmal auch Schafe sind. Dadurch, so die Verfasser, gibt es keine Laien mehr. Die Grenzlinien, die durch das Volk Gottes laufen, beziehen sich nur auf Funktionen, nicht auf Positionen. Diese Sicht hat Konsequenzen.

Zum Beispiel in diese Richtung:

Viele meiner Kollegen im „Dienst“ sprechen von der Kirche als einer Institution, von der sie sich erholen müssen. Sie schützen ihren freien Tag und die Privatsphäre ihres Zuhauses. Sie fühlen sich einsam im Dienst und halten ausserhalb der Kirche Ausschau nach Menschen, die sich um sie kümmern [„pastor them“] und nach Anlässen, die sie erfrischen. Für uns ist die Kirche der Ort, an dem wir Erholung finden. Die christliche Gemeinschaft betreut [„pastors“] und erfrischt mich durch das Wort Gottes. Jemand hat es einmal so formuliert: „Wenn ich sagen würde, dass ich einen freien Tag von meiner Frau und meinen Kindern brauche, dann würden viele sagen, ich hätte eine dysfunktionale Familie. Wenn ich nun sage, dass ich einen freien Tag von der Kirche brauche, warum fragt dann keiner, ob ich eine dysfunktionale Kirchenfamilie habe?“

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10 Responses to “Der Unsinn pastoraler Abgrenzung”

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  1. Oliver Merz says:

    Klingt gut, Cla ;-). Ich hoffe, dass der Autor diese Situation nicht nur am Pastor festmacht, denn dieser arbeitet ja in einem entsprechend gestalteten Kirchen-System, das an dieser „Misere“ oft nicht ganz unbeteiligt sein wird…

  2. Profilbild von Cla Cla says:

    Danke, Oli.
    Die Sicht der Autoren ist natürlich wesentlich breiter. Mir hat diese Zuspitzung und Verkürzung jedoch gefallen, weil sie provoziert: zum Nachdenken – oder zum Kommentieren im Blog!
    Herzlicher Gruss!

  3. Oliver Merz says:

    Klingt noch besser, Cla, zumal mir diese Zusammenhänge aus meinem eigenen Leben nicht gänzlich unbekannt sind ;-).

  4. Thomas Oesch says:

    Solange es vollzeitliche Mitarbeiter gibt, deren Beruf nun einmal das Pastor-Sein ist, braucht es nach meiner Meinung diese Abgrenzung. Gemeinde ist hier nun einmal nicht nur Familie sondern auch Beruf und fehlende Abgrenzung gefährlich.

    Der Pastor ist kein Übermensch und genau wie jeder andere Teil der grossen Herde Gottes. Der Gedanke finde ich stark. Hier gilt es Wege zu finden, wie ein Pastor in der Gemeinde in der er angestellt ist, auch selbst Schaf sein kann und nicht nur geben muss. Gerade in ‚traditionellen Gemeinden‘.

    Diese Lösungen für Pastoren, die als Vollzeiter angestellt sind, interessieren mich aus persönlicher Betroffenheit. Denke es kann nicht die einzige Antwort sein, dass es andere Strukturen braucht.

  5. hmm – wenn Abgrenzung ganz überflüssig ist, müssten wir ja die Studenten/Praktikanten schon darin trainieren, sich in der Gemeinde „zu erholen“. Was mich angeht: ich brauche Gemeinschaft, – aber in der richtigen Dosis. Mehr vom Guten ist nicht unbedingt besser – nicht nur in der Medizin.

  6. Daniel Degenhardt says:

    Der Autor spricht mir aus der Seele. Pastor wird der, der den dazugehörigen theol. Schein hat. Ob er nun charakterlich geeignet ist oder nicht danach fragen weniger. Zudem verführt das Pastorenamt zur passivität in der Gemeinde. Der Pastor ist Seelsorger, Hirte, Lehrer u. Ältester in einer Person. Kein Wunder, wenn der Bornout droht. Das NT hingegen legt die Verantwortung auf die gesamte Gemeinde.

  7. Heinz Röthlisberger says:

    Ohne das Buch von Chester/Timmis zu kennen, erlaube ich mir folgenden Kommentar:
    Die im Zitat durschimmernde Sicht wirkt auf mich polemisch und idealistisch. Hier wird das „Teil-des-Ganzen-sein“ vermutlich bewusst (und unseriös!) verkürzt mit der Aufgabe innerhalb des Ganzen verwechselt. Persönlich fühle ich mich voll und ganz als ein Schäfchen unter anderen innerhalb unserer Gemeindeherde; eine Sicht, die ich auch so vertrete und verbreite. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, mich von der Gemeinde als solches distanzieren/erholen zu müssen. Ich habe aber als Pastor auch bestimmte Aufgaben, die nun einmal auch „Arbeit“ sind: Gespräche, Sitzungen, theologische Arbeit, Organisatorisches,… alles Aufgaben, die ich mag, die aber definitiv nicht per Definition zum Christsein (oder Gemeindeglied-sein) gehören und „rechtschaffene Belastungen“ mit sich bringen. Im Bild der Familie gesprochen: Das ist, wie wenn der 20-jährige Sohn für seine Eltern am Samstag ein Fest zur silbernen Hochzeit gibt und am Sonntag das Bedürfnis nach einem Tag Ruhe für sich allein äussert. Das ist alles andere als dysfunktional, sondern aufgrund der aussergewöhnlichen Aufgabe angemessen und der Familie gegenüber sogar wertschätzend, geschieht dies doch mit dem Ziel, danach wieder entspannt den Familien-Alltag leben zu können.

  8. Joël Sommer says:

    Vorweg: Ich habe weder das Buch noch das Kapitel im Speziellen gelesen. So gesehen müsste ich meine Meinung relativieren.
    Ich habe einerseits Mühe mit Pastoren, die alles genauestens eingrenzen – z.B. Arbeit, Freizeit usw. – und dies dann auch eisern durchhalten.
    Ich bin auch sehr dafür, dass Pastoren auch eben „Schafe“ sind. Ich freue mich jedesmal riesig nach den Ferien den Gottesdienst meiner eigenen Gemeinde (wo ich noch einige Tage Pastor bin …) zu besuchen. Ich finde es erfrischend.

    Trotzdem: Ich empfinde die übersetzte Stelle ein bisschen als einseitig. Abstand (z. B. Ferien) kann bewirken, dass man wieder frisch und ausgeruht an die Arbeit gehen kann. Ich plädiere sogar dafür, dass einige Tage weg von der Ehepartnerin zuweilen sehr erfreuliche Gefühle nach sich ziehen. Die Vorfreude des Wiedersehens ist etwas vom Besten.

    Es ist eigentlich meine grösste Kritik an der missionalen Theologie, dass sie zwar viel Gutes ankickt und zuweilen auch provokativ äussert, aber eben auch zuwenig differenziert und manchmal zu fest pauschal beurteilt.

    Und ich meine, dass ich glücklich in meiner Ehe bin.

  9. Jens says:

    Klingt wirklich nach einem äußerst interessanten Buch, das viel zum Nachdenken anregt. Das muss ich mir bei Gelegenheit auch mal zu Gemüte führen. Weiß zufällig jemand wie es mit einer deutschen Übersetzung aussieht?

  10. Christian Stäheli says:

    Laut Michi Girgis gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Vielleicht kann das Reinhold Scharnowski übersetzen wie bei „die Zukunft gestalten“ 🙂 Ich würde die erste Ausgabe kaufen.