Wissenschaft mit Tunnelblick

Das NZZ-Folio, die Zeitschrift der neuen Zürcher Zeitung, hat ihre Augustausgabe dem Thema „grandios gescheitert“ gewidmet. Der Artikel „Zum Glück gescheitert“ von Harald Willenbrock befasst sich mit den sehr grundsätzlichen Fragen, weshalb wir immer wieder scheitern und wie wir mit unserem Scheitern umgehen. Als Grund dafür, dass die „Pleite … ein fester Bestandteil des menschlichen Normalbetriebes“ ist, nennt Willenbrock den chronischen Tunnelblick: Wir sehen alles so, wie es uns am besten in den Kram passt.

Und etwas ausführlicher und im Originalton (Hervorhebung durch mich):

Eine wesentliche Ursache dafür liegt in unserer Eigenart, Fakten falsch zu bewerten. Das ist, wie Kevin Dunbar festgestellt hat, kein Anfängerfehler. Dunbar, Neurowissenschafter an der Universität Toronto, hatte über Monate ­hinweg Forscher der Stanford-Universität bei ihren Experimenten begleitet. Dabei beobachtete er etwas Erstaunliches: In mehr als der Hälfte der Fälle lieferten Experimente nicht jene Ergebnisse, die die Fachleute erwartet hatten. «Das waren beileibe keine schlampigen Wissenschafter», erklärte Dunbar in einem Artikel des Magazins «Wired». «Sie forschten in einigen der besten Labors der Welt und feilten an elaborierten Theorien. Aber Experimente belegen nun einmal selten das, was man von ihnen erwartet. Das ist das schmutzige Geheimnis der Wissenschaft.»

Wie aber gingen die Forscher mit ihren vermeintlich «falschen» Daten um? Zunächst einmal klassifizierten sie die Abweichungen als Ausreisser, als Folge irgendeiner fehlerhaften Apparatur oder eines unachtsamen Versuchsaufbaus. Dann wiederholten sie ihr Experiment sorgfältig, wieder und wieder. Blieb der «Fehler» dennoch – ganz einfach, weil er eben keiner war –, wurde er ignoriert. «Die Wissenschafter versuchten wegzureden, was sie nicht erklären konnten.» Damit verfälschten die Forscher nicht nur ihre Ergebnisse, sondern verschlossen ihre Augen vor möglicherweise viel wertvolleren Erkenntnissen.

Theologie ist auch Wissenschaft. Nicht mathematisch präzise Naturwissenschaft, aber eben doch Wissenschaft.

Wie steht es da mit vorgefassten Meinungen, die man nur noch zu bestätigen sucht? – Die Gefahr scheint mir umso grösser, da ein Theologe (und speziell ein gläubiger Theologe) seine Wissenschaft aus der persönlichen Betroffenheit heraus betreibt. Da kann es dann ganz schnell existenziell werden, wenn die Resultate Althergebrachtes und Fundamentales nicht nur nicht bestätigen sondern ihm sogar widersprechen.

Deshalb ist wissenschaftliches Forschen nur etwas für Draufgänger.

Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen.

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