Endlich gesehen: The Wrestler

Als Familienvater kommt man nicht mehr so häufig ins Kino. Ich auch nicht. Das hat einerseits den Vorteil, dass ich Müll, den ich mir vor zehn Jahren noch erwartungsvoll auf der grossen Leinwand angesehen hätte, entweder ganz verpasse oder aber die DVD abschalten kann, um mir stattdessen eine Folge von The Office (britische Ausgabe, natürlich) anzusehen.

Andererseits bringen die seltenen Kinogänge den Nachteil mit sich, dass ich auch Grossartiges später oder gar viel später oder auch gar nicht sehe. „The Wrestler“ kam vor zwei Jahren ins Kino, ich sah ihn vor drei Wochen und leider (bisher) nur in der kleinen Flimmerkiste.

Doch was für ein Film!

In der Hauptrolle ist Mickey Rourke als abgehalfterter Ex-Wrestling-Star Randy „The Ram“ Robinson zu erleben. Und wer sich an den Rourke der 80er-Jahre am Anfang seiner Karriere erinnert, wird nur mit Mühe glauben können, dass er hier den gleichen Menschen vor sich hat. Das durch Boxen und plastische Chirurgie deformierte Gesicht verleiht der Geschichte eines Richtungslosen, der um eine neue Existenz kämpft, ein – naja, ein Gesicht eben. Und im Unterschied zur schönen Charlize Theron, die für ihre Darstellung der weniger schönen Aileen Wuornos in „Monster“ zunächst vom Maskenbildner kunstvoll entstellt werden musste, bringt Rourke seine verbeulte Visage und damit auch seine eigene Geschichte in diesen Film hinein. Regie führte Darren Aronofsky, dessen „Black Swan“ zur Zeit erfolgreich im Kino läuft.

Auf eine Nacherzählung des Inhalts verzichte ich. Doch war ich erstaunt, wie gut es diesem Film gelingt, Gefühle zu transportieren, obwohl er seine Geschichte vor einem so typisch US-amerikanischen Hintergrund erzählt, zu dem ich eigentlich überhaupt keinen Bezug habe. Wrestling hat mich nie interessiert und nachdem ich „The Wrestler“ gesehen habe, kann ich zuversichtlich sagen, dass es mich auch nie interessieren wird. Doch die Figur, die Rourke hier verkörpert (wörtlich zu verstehen), kommt mir trotzdem unheimlich nahe. Sein Kampf um einen Neuanfang, seine Entschlossenheit und sein Zögern, Wut, Trauer, Freude und sein Umgang mit Enttäuschungen – ich konnte mich dem einfach nicht entziehen.

Schon lange ist mir kein Film mehr so unter die Haut gegangen. Aus meiner Sicht stimmt hier einfach alles: Darsteller (neben Rourke speziell Marisa Tomei in der weiblichen Hauptrolle), Regie, Rhythmus, Musik, Kamera, Drehbuch. Bruce Springsteen hat das Titellied geschrieben, das die Hauptfigur und die Stimmung des Filmes kongenial spiegelt. „The Wrestler“ ist einer der besten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

Doch auch eine Warnung darf hier nicht fehlen: Der Film ist brutal. Nicht hollywood-brutal mit explodierenden Schusswunden und abgetrennten Gliedmassen, sondern brutal in einer viel roheren, farbloseren, trüberen Art. Also nichts, das man sich direkt vor dem Schlafengehen ansehen sollte.

 

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One Response to “Endlich gesehen: The Wrestler”

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  1. Dänu says:

    Amen dazu! Wirklich ein starker und sehenswerter Film.