„Jesus ist und bleibt ein Unruhestifter“

Was würde Jesus tun, wenn er heute wieder als Mensch auf dieser Erde leben würde? Hätte er eine eigene Homepage mit der Adresse www.jesus.com? Wäre immer erreichbar dank seines Handys und des ISDN-Anschlusses? Würde er seine Botschaften per Fax und Email verbreiten?

Nicht nur ich habe mich mit der Frage „What would Jesus do“ auseinander gesetzt, sondern auch zahlreiche Magazine und Zeitschriften durchgeforstet. Bei der Suche nach brauchbaren Artikeln zu diesem Thema ist mir aufgefallen, wie populär Jesus heute noch ist. Es gab fast keine Zeitschrift, die ihm nicht einen Bericht zur Jahrtausendwende widmete. Nicht alle waren positiv, einige nur historische Abhandlungen, viele berichteten nicht sehr schmeichelhaft und ziemlich verallgemeinernd über die Taten der Kirche und deren Mitglieder.

„Das zweite Jahrtausend nach Christi Geburt geht dem Ende zu. Und siehe da, der, mit dem alles begann, ist auch heute noch einer der einflussreichsten und berühmtesten Männer dieser Welt.“ weiss das NZZ Folio in der Dezemberausgabe des letzten Jahres zu berichten: „Und weil in seinem Namen Raubzüge und Kriege geführt wurden – als Märtyrer blieb Jesus nicht allein. ‚An ihren Früchten soll man sie erkennen‘, sagt die Bibel. Aber bekommt ein Religionsgründer tatsächlich immer die Jünger, die er verdient?“ fragt die Aurorin Ursula von Arx kritisch weiter. Im Schweizerischen Nachrichtenmagazin Facts erschien Ende Mai 1999 ein Artikel mit dem Titel ‚2000 Jahre Verrat und Missbrauch‘. Ekkehard Stegemann, Professor der Theologie in Basel, sagte zu diesem Thema: „Vermutlich würde Jesus sich darüber mokieren, dass die Kirche die Hoffnung auf das Reich Gottes aufgegeben hat und sich selber an diese Stelle des Reiches gesetzt hat.“ Der Schluss, den Facts daraus zieht, ist folgender: „Die Christen sind Jesus und seinem Liebesgebot nicht nachgefolgt. Das ist die Bilanz nach 2000 Jahren.“ Ein hartes Urteil.

Adolf Holl, entlassener Kaplan, Kirchenkritiker und österreichischer Schriftsteller, fragte in einem Interview des Brückenbauers: „Sind wir nicht einfach zu fett, um Gott zu uns durchkommen zu lassen?“ Auf die Frage, was Jesus über das Geld sagen würde, antwortete derselbe: „Dieser Jesus-Impuls, sein Leben für die Brüder und Schwestern hinzugeben, ist ein Stachel im Fleisch der christlich geprägten Gesellschaften. Wir haben 2000 Jahre hinter uns und haben gesehen, dass nur radikale Eliten diesen Jesus-Impuls in Tat umgesetzt haben – zum Beispiel eben Franz von Assisi. Die Kirchen stecken bis zum Hals in den Aktien drinnen – gezwungenermassen. Sie sollten bloss nicht am falschen Ort investieren. Die Bischöfe brauchen Geld, um die Dächer ihrer Kathedralen zu renovieren. Dies anzuprangern liegt mir fern. Nur spürt man im Christentum immer eine Spannung zwischen den alltäglichen Notwendigkeiten und dem Blick auf den Gekreuzigten. Dieser Stachel im Fleisch erzeugt nicht nur Unbehagen, sondern auch eine Dynamik, die die Entwicklung der Gesellschaft vorantreibt. Der christliche Motor ist immer noch da!“

Ob den heutigen Christen die rechte ‚Inbrunst‘ fehle, fragt der Brückenbauer weiter. Adolf Holl meint dazu: „Es fehlt ihnen die Wucht und die Kraft. Ich fühle mich an einen Hühnerhof erinnert. Manchmal wird mit den Flügeln geschlagen und damit Staub aufgewirbelt. Dann fangen sie wieder an, ihre Körner zu picken, denn fliegen können sie ja nicht. Gackern können sie.“

Christian Waefler, Redakteur des Brückenbauers, schrieb in der Dezemberausgabe: „Die Botschaft Christi ist immer noch hochaktuell.“ In derselben Ausgabe sagte Holl: „Jesus ist kein Baldrian für gestresste Wohlstandsbürger. Er ist und bleibt ein Unruhestifter. Seine Botschaft ist aktuell, aber auch unbequem.“ Weiter meinte er: „Jesus war ein sozialer Aussenseiter und wäre es auch heute noch. Für ihn würde es keinen Sinn machen, dass die Reichen noch reicher werden, während die andern um ihre Arbeit bangen müssen.“ Zum Thema Abtreibung meinte der Schriftsteller: „Vielleicht würde der Sohn Gottes wieder sagen: ‚Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.‘“ Für Adolf Holl ist Jesus immer noch der „Leitstern“. Zitat: „Die US Library of Congress führt 17239 Buchtitel über Jesus Christus. Und da soll noch jemand sagen, er habe ausgedient.“

Ernst Sieber, Obdachlosenpfarrer aus Zürich, sagte in einem Interview: „Jesus würde immer noch mit den Leuten, besonders mit den Aussenseitern, ‚zusammen hocken‘. Er hat nie gesagt, dass du zuerst Christ sein musst, damit du mit ihm aus dem gleichen Teller löffeln kannst, er würde dir einfach den Löffel reichen.“

Albert Ziegler, Jesuit und Unternehmensberater, zum Thema: „Jesus würde sich wieder auf die Seite der Armen stellen. Und das heisst nicht nur auf die Seite der finanziell Armen. Die Option der Armen zeigt sich in der Forderung nach gerechten sozialen Strukturen.“

Die Meinungen über Jesus gehen auseinander, die Artikel sind so verschieden wie ihre Autoren, viele schrieben negative, populistische Berichte. Aber das ist eigentlich nebensächlich, denn im Endeffekt geht es darum, dass das Thema ‚Jesus‘ noch lange nicht abgeschlossen ist, und es auch nie sein wird. Man kann nicht einfach an ihm vorbei gehen: „Jesus ist und bleibt ein Unruhestifter. Seine Botschaft ist aktuell, aber auch unbequem.

 

Nachwort:
Dieser Artikel wurde vor bald 12 Jahren von Sara Trummer verfasst (1999). Ich habe ihn im Jahr 2000 als Pastor in unserer Gemeindezeitschrift veröffentlicht. Abgesehen von ein paar technischen Veränderungen (ISDN, Fax statt Internet, Web und SMS) ist er nach wie vor hochaktuell!

Das ist irgendwie faszinierend und gleichzeitig auch ernüchternd. Könnte es sein, dass sich trotz aller Veränderungen und Aktionen, die in den letzten Jahren ins Land gingen, an den wesentlichen Punkten gar nicht so wahnsinnig viel geändert hat? Die Aussagen von 1999 fordern mich jedenfalls grundsätzlich und existentiell heraus: „Vermutlich würde Jesus sich darüber mokieren, dass die Kirche die Hoffnung auf das Reich Gottes aufgegeben hat und sich selber an diese Stelle des Reiches gesetzt hat.“ oder: „Dieser Jesus-Impuls, sein Leben für die Brüder und Schwestern hinzugeben, ist ein Stachel im Fleisch der christlich geprägten Gesellschaften. Wir haben 2000 Jahre hinter uns und haben gesehen, dass nur radikale Eliten diesen Jesus-Impuls in Tat umgesetzt haben – zum Beispiel eben Franz von Assisi.“ und viele andere Zitate sind aktuell und unbequem. Welche Antworten finden wir als Christen im 21. Jh. auf die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen? Berühren sie uns überhaupt? Interessieren sie uns? Man könnte auch fragen: Wer ist Jesus für uns heute? Was bedeutet ein Leben mit Jesus Christus für uns heute? Oder ganz einfach: Was würde Jesus tun, wenn er an unserer Stelle heute hier auf dieser Erde leben würde?

Ich bin gespannt auf die Antworten, die wir auf diese Fragen finden bzw. welche unsere Leben auf diese Fragen geben. Und ich hoffe, dass Jesus uns keine Ruhe lässt, bis wir eine passende Antwort gefunden haben, denn das sind wir dieser Welt schlicht schuldig. Schliesslich nennen wir uns Christen und tragen seinen Namen.

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