Schokolade und Schubladen: Besuch bei der Gassenarbeit Heartwings

Die BA-Studierenden von IGW Zürich besuchten letzten Freitag das Team von Heartwings, einer Gassenarbeit im „multikulturellen Rotlicht-Milieu“ (O-Ton von heartwings.ch) von Zürich. (Hier haben wir schon über die Arbeit von Heartwings berichtet.)

Viviane Palm, BTh-Studierende im 2. Jahr, hat ihre Eindrücke zusammengefasst.

Dorothéee und Peter Widmer von Heartwings, einer Gassenarbeit im Kreis 4 von Zürich

Dorothéee und Peter Widmer von Heartwings

Herzhaft beisse ich während dem ersten Clip, der die Arbeit von Heartwings vorstellt, in den Schokoriegel, der mich auf meinem Stuhl so süss begrüsst hat. Ich lasse mir die Schokolade auf der Zunge zergehen, während verschiedene Bilder über die Leinwand flackern. Der Strassenstrich. Eine Prostituierte. Alkohol. Drogen. Wieder eine Prostituierte. Die Themen sind nicht ganz leicht verdaulich – ich schlucke schwer. Was soll ich jetzt noch von meinem Schokoriegel halten?

Als Peter und Dorothée fortfahren und beginnen von ihrer Arbeit und aus ihren Leben zu erzählen, bin ich froh, dass der Riegel sich schon in meinem Bauch befindet, weil ich ihn jetzt noch schwerer runtergekriegt hätte. Ihre Vergangenheit veranschaulicht Peter, indem er zwei Schoko-Osterhasen zerbricht. Stück für Stück. Die Hasen-Scherben gibt er dann durch die Reihen; wir feiern Abendmahl mal ganz anders.

Dann die Frage von Peter: „Mag jemand Schubladen?“. Keine Hand erhebt sich. „ Spinnt der?“, denke ich ganz bei mir und frage mich schon in gleichen Moment womit denn meine Schublade angeschrieben wäre. Christ? Warum will ich da nicht rein? In dem Moment lacht Peter sein herzhaftes Lachen und erklärt: Als er, in einem Traum seiner Tochter, seine Schublade öffnete war darin ein Diamant. Wer möchte jetzt eine Schublade? Ich schmunzle. Auf den Inhalt kommt es an.

Peter und Dorothée haben das Richtige gemacht mit den Scherben ihres Lebens. Sie haben sie dem Druck und der Hitze von Gottes Schmelzofen ausgesetzt – ein schmerzhafter Prozess – der aus ihnen Diamanten gemacht hat. Sind wir auch dazu bereit? Die Reinheit und Schönheit ihrer Diamanten geben Peter und Dorothée nun Tag für Tag den Frauen vom Strassenstich weiter. Diese leiden oft unter Menschenhandel oder Zwangsprostitution. Sie wurden hart, verloren jeglichen Bezug zu ihrem Körper, ihrer Seele – zu ihrem ganzen ich, ihrer Identität. Peter und Dorothée sind darum bemüht durch Beziehungen ihr Vertrauen zu gewinnen, um ihnen dann zu helfen die Teufelskreise zu durchbrechen, die sie gefangen halten.

Viele Menschen an der Langstrasse hungern. Nach dem nächsten Kick, nach käuflicher Liebe, Geld oder Anerkennung. Wir werden aufgefordert: Wo ist eure Langstrasse? Wer hungert in eurem Umfel? Am Ende weiss ich, was ich von der Schokolade halten soll. Peter und Dorothée wollen ganz einfach dem Hunger begegnen. Warum nicht durch einen Schokoriegel?

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