Der Bibel-Frust

Sind wir mal ehrlich: Die Bibel ist wohl das Thema, worüber am meisten geheuchelt wird im christlichen „Kuchen“.

Sagen tun wir: Die Bibel soll unser Leben prägen und verändern.

Denken tun wir: Ich versteh kein Wort und sie ist langweilig.

Zugegeben: Alle geben sich viel Mühe und nehmen sich immer wieder vor: Ich werde von jetzt an regelmässig in der Bibel lesen. Aber dann nach wenigen Tagen kommt der grosse Frust. Ich weiss nicht was lesen, es spricht mich nicht an, ich verstehe nicht was dieser blöde Prophet Jesaja eigentlich sagen wollte. Was hat das alles mit meinem Leben zu tun?

Aber wir sagen tapfer: Ich will mein Leben auf der Bibel aufbauen.

Wieder ein solcher Satz, den niemand so richtig versteht und darum auch nicht richtig zur Geltung kommt.

In der Praxis sieht etwa so aus: Die ersten beiden Bücher Mose haben wir gelesen, aber dann wurde es total langweilig. Josua ist in den ersten Kapiteln auch noch spannend, Richter erinnert an ‚300’ und Rut ist ein schöne Liebesgeschichte. Die ersten Könige kennen wir einigermassen, vor allem David mit seinem Ehebruch ist uns geläufig. Die Psalmen tun uns wohl und die Sprüche sind noch witzig. Aber dann hat sichs mit dem Alten Testament. Der Rest ist ein schwarzes Loch. Ja was will man schon mit Büchern wie Hezekiel oder Zefanja, die Namen tönen schon veraltet, umso verstaubter muss wohl der Inhalt sein.

Und das Neue Testament? Die Geschichten von Jesus kennen wir ja und die kommen in allen Evangelien ähnlich vor – wieso also alle vier lesen? Die Apostelgeschichte ist etwas langfädig, aber auch noch interessant. Und dann kommen diese elenden Briefe von Paulus. Wir sind uns an dieser Stelle schnell mit Petrus einig: Sie sind zu kompliziert. Und darum haben viele von uns wenig Ahnung von der Vision des Paulus für die (Orts-)Gemeinde.

Trotzdem: Ich kenne die Bibel und sie ist mein Fundament.

Aber die Bibel war nie gedacht, dass ein jeder sie ausschliesslich für sich allein liest. Das Wort Gottes war an ein Volk, zuerst an Israel und jetzt an das Volk Gottes. Alle Briefe im neuen Testament waren an Gemeinden geschrieben und wurden laut der Versammlung vorgelesen. Es bekamen nicht alle ein eigenes Exemplar und konnten es zu Hause „studieren“.

Passt das in unser Bild, dass Jesus „alle ganz persönlich ansprechen möchte“? Hat sich auch hier unser kultureller Individualismus in unsere Glaubenssprache eingenistet? Können wir allen Ernstes sagen unser Leben sei vom Evangelium geprägt, wenn wir kaum Zeit für das Bibelstudium aufwenden?

Ich beobachte, dass unsere Gemeinde(n) bibelarm geworden ist. Das ist ein Plädoyer für mehr Raum in der Gemeinde, um die Bibel wieder zu studieren und zu entdecken. Wie könnte das konkret aussehen?

p.s.: die Illustration ist von einem Freund von mir, der Illustrator und Künstler ist. (www.joelbuechli.com)

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4 Responses to “Der Bibel-Frust”

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  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag. Da müssen wir wirklich ehrlicher werden!

  2. Beni Leuenberger says:

    Danke für den Kommentar. Ehrlichkeit kommt gut an in unserer (postmodernen) Zeit!

  3. Danke für den tollen Beitrag. Als wenn es meine Gedanken wären.

  4. Ingo says:

    Sehr guter Beitrag.
    Inzwischen ist viel Zeit vergangen – ein neuer Pabst macht den Glauben wieder interessant und glaubhaft.