Mauerblümchen oder Model?

Wenn wir doch nur endlich ein ganzheitliches Modell christlicher Sexualethik entwickeln könnten, das so attraktiv wäre, wie das säkulare! Wenn das so wäre, dann würde es Christen auch wieder einfacher fallen, sich an die christlichen Normen zu halten. Oder wenn wir endlich die verschiedenen Missklänge, die zwischen Christentum und Kultur bestehen auflösen könnten, um den Menschen zu zeigen, dass Christsein attraktiv ist. Wenn das so wäre, dann würden die Leute auch wieder in die Kirche kommen.

Ist das wirklich die Lösung? Ist es die Lösung, die Christenheit so stark aufzubrezeln, dass sie alle attraktiv finden? Ist es erstrebenswert, dass sich alle Männer und Frauen auf der Strasse nach ihr umdrehen und sagen, „oh schau, da ist die Christenheit! Ist sie nicht wunderbar?“ Sollen wir ihre  Problemzonen kaschieren und retuschieren, sodass sie aussieht wie jede andere x-beliebige junge Frau auf der Strasse? Da hätten wir aber ein grosses Stück Arbeit vor uns. Die Fettpölsterchen, Pickel und anderen Problemzonen der Christenheit sind mannigfaltig. Sie reichen von Disziplin über Demut bis hin zu Enthaltsamkeit, Genügsamkeit, bedingungsloser Nächstenliebe, Selbstbeherrschung und sogar Selbstaufgabe. Wollen wir an der Christenheit allen Ernstes so lange herum erklären, Spannungen auflösen und kulturelle Brücken bauen, bis sie aufgedonnert ist wie ein Supermodel?

Oder sollen wir sie einfach so belassen, wie sie halt heute ist? Ein wenig „verschupft“, da sie nicht genau weiss, wie sie ihrem Umfeld die Fehler aus ihrer Vergangenheit erklären soll. Mit inneren – scheinbaren – Widersprüchen, Gegensätzen, Spannungen oder Missklängen (die Wortwahl liegt im Munde des Betrachters). Sie hat sich schon einmal überlegt, ob ein Psychiater ihr deswegen helfen könnte. Sollten wir uns wirklich ganz auf die inneren Werte konzentrieren oder ihr nicht doch mindestens ihre verwaschene Kleidung austauschen. So würde sie wenigstens zeitgemäss aussehen. Man könnte ihr auch einfach ein klitzekleines Bisschen Make-up verpassen; um ihre positiven Seiten hervorzuheben, versteht sich. Die hat sie nämlich durchaus. Sie ist sehr liebevoll und geduldig. Sie schätzt ihre Mitmenschen höher als sich selbst. Dadurch vermittelt sie stabile Werte für alle Beziehungen – Ehen genauso wie Freundschaften und Partnerschaften tun gut daran, sich an der Christenheit zu orientieren. Innerlich hat die Christenheit total ihren Frieden gefunden, denn sie ist erlöst. Das gibt ihr in jeder Lebenslage Hoffnung und Frieden.

Das ist sie die Christenheit. Sie hat Problemzonen und Stärken. Doch wie sollen wir sie bloss an den Mann bringen? Als aufgedonnertes Model, oder als unscheinbares Mauerblümchen?

Gedanken von Viviane Herzog vom Studientag am 4. Mai 2012 in Burgdorf.

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One Response to “Mauerblümchen oder Model?”

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  1. Tobi Frehner says:

    Es geht ja gar nicht darum, das Christentum aufzubrezeln.
    Es stimmt schon, dass das Christentum an Attraktivität verloren hat. Aber darum geht es ja nicht in erster Linie. Vielmehr ist es die Aufgabe des Theologen, das Christentum so zu erklären, dass es in der Praxis funktioniert und keine Schizophrenie hervorruft. Das geschieht nämlich dann, wenn wir die Werte der Gesellschaft übernehmen, dann aber plötzlich einen willkürlichen Schnitt vollziehen und darauf beharren, dass da die Grenze ist…Warum auch immer! (die genannten Beispiele: romantische Beziehung ja – Sex vor der Ehe nein; Gleichberechtigung der Frau ja – Frau als Gemeindeleiterin nein) In der Praxis wird es tatsächlich schwierig, so zu leben und diese Werte zu vertreten. Die Aufgabe des Theologen ist es, hier eine vernünftige Lösung zu präsentieren, mit welcher ein Wert sinnvoll in eine Sitte oder einen Brauch eingebettet werden kann. Nur ist eine solche Lösung nicht in Sicht. Falls es eine solche sinnvolle Lösung geben würde, wäre diese zwangsläufig attraktiv – sie bietet nämlich nur Vorteile: Ich kann mich an den moralischen Grundsatz halten UND mich in der Gesellschaft frei (und nicht als Fremdkörper) bewegen. Dass das Christsein Opfer fordert ist aber nach wie vor gegeben, das bestreite ich nicht.
    Das Christentum so zu lassen, wie es ist, scheint mir keine Option zu sein. Die Gesellschaft entwickelt sich, verändert sich; und davon kriegen wir auch etwas ab, da wir ja Teil von ihr sind. Deshalb müssen wir uns verändern, uns weiterentwickeln. Vielleicht wäre es aber interessant, mal offensiv einen Akzent zu setzen, anstatt bloss defensiv auf die Entwicklungen der Gesellschaft zu reagieren.