Das Leben eines Schoggi-Brötchens

Ein Artikel von Rahel Geisser, BA-Studentin in Zürich.

Die wichtigsten zwei Tag in meinem Leben sind der 23. und der 24. Mai 2012. Ehrlich gesagt, sind es auch die einzigen zwei Tage in meinem Leben. Das erste, an das ich mich erinnern kann ist, dass zwei warme, weiche Frauenhände mich völlig durchkneteten. Es fühlte sich toll an und ich wurde so richtig aufgewühlt! Dann war ich plötzlich an einem dunklen Ort. Ich weiss nicht genau, wie lange ich dort verweilte, aber während ich den Alltagsgeräuschen um mich herum lauschte, schien es, als würde ich wachsen – und tatsächlich, nach einiger Zeit war ich etwa doppelt so gross wie zuvor! Dann wurde der Raum, in dem ich mich befand, durchgeschüttelt, die Frau von vorher schien mich und meinen Raum irgendwohin mitzunehmen. Es war eine lange, holprige Fahrt in einem komischen Gefährt. Da ich direkt auf dem Fussboden stand, fühlte ich jede Bodenwelle. Dann wurde ich in einen grossen, hellen Raum gebracht und auf eine saubere Ablage gelegt. Ausser mir gab es noch zwei andere wie mich, die schienen aber genau so wenig zu wissen, was geschieht. Rund um uns herum standen Leute. Plötzlich riss mich eine Frau von meinem restlichen Körper ab. Das fühlte sich ganz komisch an. Sie nahm mich in ihre Hände und begann mich wie wild zu drehen – mir wurde ganz schwindelig! Dann schob sie ein wenig dunkle Schokolade in meine Mitte, die schmeckte ganz süss, und formte mich zu einer schönen Kugel. Meine Oberfläche fühlte sich ganz weich und glatt an. Eine andere Frau bestrich mich dann noch mit einer gelben Flüssigkeit, die schön glänzte. Dann wurde ich zusammen mit ganz vielen anderen Kugeln in einen grossen heissen Raum geschoben. Zuerst fürchtete ich mich davor, aber dann fühlte sich die Hitze gut an und ich merkte, wie ich wieder grösser wurde. Auch sonst veränderte ich mich, meine Konsistenz wurde ganz anders, irgendwie fühlte ich mich erwachsener. Dann wurden wir aus diesem heissen Raum rausgeholt, all die Leute standen um uns herum, bewunderten uns und sagten, wie schön wir seien. Das war toll! Während ich langsam abkühlte, wurde ich schläfrig und fiel schlussendlich in einen tiefen Schlaf.

Ich erwachte, als am nächsten Morgen ein paar Leute in den grossen, hellen Raum kamen. Sie lachten, schepperten mit Kaffeekrügen und schienen irgendwie aufgeregt. Jemand nahm mich und packte mich zusammen mit den anderen in eine grosse, graue Kiste. Dann wurden wir wieder in so ein komisches Gefährt verfrachtet und los ging die Fahrt! Ich fragte mich, wo die Reise wohl hingeht. Plötzlich hielt das Gefährt, die Leute stiegen aus und trugen unsere Kiste ein paar Meter weit. Jemand zog das Tuch, mit dem sie uns bedeckt hatten, weg und der helle Sonnenschein blendete mich. Ich hörte laute Geräusche und sah riesige Maschinen. Ganz viele Leute standen um uns herum – die sahen zuerst erstaunt und dann sehr fröhlich aus! Sie lachten und redeten und unsere Leute begannen, ihnen Kaffee auszuschenken. Dann begannen sie, die anderen um mich herum aus der Kiste zu holen und ich wartete gespannt darauf, dass ich an der Reihe wäre. Endlich nahm mich ein Mann aus der Kiste und trug mich ein paar Meter weit zu einem grossen Gerüst. Oben auf dem Gerüst stand lachend ein anderer Mann und rief etwas. Und dann wurde ich durch die Luft geschleudert, höher und höher! Ich drehte mich um mich selber und hatte dabei eine unglaubliche Aussicht! Dann fing mich der Mann oben auf dem Gerüst gekonnt auf. Er schaute mich dankbar an und führte mich an seinen Mund. Und in diesem Augenblick durchströmte mich ein wundervolles Gefühl – ich wusste, dass ich meine Bestimmung erfüllt hatte, ich hatte meine Berufung gelebt und war am Ziel angekommen!

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