Wer ist dein Nächster?

Man kann sie geradezu spüren, die Verschlagenheit in dieser Frage: Ja, Jesus, wer ist denn mein Nächster? Der Gesetzeslehrer scheint zu sagen: Weisst du Jesus, das alles ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Wer ganz genau ist denn mein Nächster, es wimmelt ja nur so von Menschen auf dieser Welt! Ich kann ja nie im Leben allen helfen!

Wer ist mein Nächster?

Wir fragen manchmal ganz ähnlich. Herausfordernd. Überfordert. Verunsichert.

Jesus antwortet mir einer Story und nicht mit einer philosophischen Abhandlung über meinen Nächsten. Die Geschichte ist simpel, aber geht zu Herzen: Der barmherzige Samariter.

Klar, denken wir, Jesus will uns sagen, dass mein Nächster jener ist, der Hilfe braucht. So wie der Bettler am Strassenrand oder so ähnlich. Ja, ja, das kennen wir.

Aber sagt uns das Jesus wirklich? Die Frage am Ende der Geschichte irritiert mich: Wer von den dreien war nun deiner Meinung nach der Nächste für den Mann, der von Räubern überfallen wurde?, fragte Jesus. Wie bitte? Was soll denn das heissen?

Mir dämmert: Erst durchs Helfen wurde der Samariter dem Verletzten zum Nächsten.

Oder anders: Erst durch die Aktion werden wir zum Nächsten für einen Mitmenschen.

„Der Nächste“ ist nicht etwas, was man einfach so ist. Nur weil man sich geographisch in der Nähe von einem anderen Menschen befindet. Zum Nächsten wird man, wenn man sich auf einen Menschen einlässt. Wenn man sich in seine Lebenswelt hineinbegibt und Teil seiner Geschichte wird. Ihm hilft.

Der Bettler am Strassenrand ist nicht per se mein Nächster. Er wird es erst dann, wenn ich mich um ihn kümmere. Wie sollte er sonst erleben, dass ich sein Nächster bin? Es zeigt sich erst, wenn ich es ihm erweise.

Einmal mehr überrascht mich Jesus mit seiner praktischen Art. Er lässt sich keinen Moment in eine unnütze, theoretische Diskussion über „den Nächsten“ ein, sondern zeigt uns, wie jemand zu meinem Nächsten wird.

Darum passt die Aufforderung am Ende der Geschichte: Geh und mach es genauso! Werde anderen zum Nächsten, hilf ihnen.

Die Frage ist also nicht so sehr: Wer ist mein Nächster?

Sondern: Wem willst du heute zum Nächsten werden?…

So Einfach. So Praktisch. So… Jesus.

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7 Responses to “Wer ist dein Nächster?”

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  1. Heinz says:

    Danke für diesen schlichten, jesusmässigen Post!

  2. Matt Suremann says:

    Eine Geschichte, die mich schon als Kind immer bewegt hatte und für mich an Aktuallität nichts verloren hat. Gerade auch im Hinblick auf Zivilcourage und ähnliche Themen…
    Klar ist nicht unbedingt der Bettler auf der Strasse per se mein Nächster! Wäre wohl auch der Blinde Bartimäus nicht Jesus‘ Nächster gewesen, hätte er nicht so laut um Jesus‘ Hilfe geschrien? Und doch fragt ihn Jesus nach seinen Wünschen, was er ihm denn tun soll! Liegt doch auf der Hand, oder? Ein blinder Bettler der will nur eines, und zwar sehen! Oder…?!
    Wikipedia liefert zwei weitere, sehr interessante Fakten zum barmherzigen Samariter (http://de.wikipedia.org/wiki/Barmherziger_Samariter):

    Für Priester gab es in der Tora die Vorschrift, dass sie sich nicht an der Leiche eines Stammesgenossen verunreinigen durften, abgesehen von den nächsten Verwandten (Lev 21,1 ff. EU). Wenn der Mann tot gewesen wäre, hätte sich der Priester durch eine Berührung gegen dieses Gebot entweiht.

    Der Levit war, wie auch der Priester, ebenfalls auf dem Weg hinab nach Jericho. Eine allfällige Berührung eines Toten hätte für ihn nach der Torah (Num 19,11 EU) sieben Tage Tame (rituelle Unreinheit) bedeutet, er hätte also am Ziel seines Weges, seine Heimat, keine rituellen Handlungen vornehmen dürfen.

    Man könnte nun sagen, dass diese zwei Tatsachen sowohl den Priester, als auch den Levit entlasten. Dann aber heisst es weiter:

    Die Samaritaner wurden von den damaligen Juden, wie beispielsweise Josephus, einerseits als religiöse Verwandte betrachtet (2 Chr 28,11 EU), aber auch mit den synkretistischen Abkömmlingen des Nordreichs (2 Kön 17,24–41 EU) gleichgesetzt, als Feinde angesehen und zutiefst verachtet (Sir 50,25–26 EU).[10] Mit dem Nächsten war der Volksgenosse gemeint. Das Volk bildete eine Solidargemeinschaft. Andererseits forderte die Schrift die Liebe zu den Fremden ein im Gedenken daran, dass Israel in Ägypten selbst die Existenz eines Fremdlings gelebt hatte.

    Wenn also mit dem Nächsten der Volksgenosse gemeint war, wären sowohl der Priester, als auch der Levit zur Hilfeleistung an ihrem Volksgenossen „verpflichtet“ gewesen!

    Das sind Dinge, die ich in der heutigen Gesellschaft oft vermisse. Vielfach versuchen wir, uns der unangenehmen Zeitgenossen auf möglichst unauffällige Art und Weise zu entledigen oder ihnen aus dem Wege zu gehen. Besonders dann, wenn diese Menschen nicht unserem Bild eines Mitmenschen entsprechen, dem wir in einer Notsituation unter die Arme greifen würden. Einmal im Monat koche ich in der Frauenfelder Gassenküche für ca. 35-45 Menschen, die am Existenzminimum leben. Sind sie nun meine Nächsten? Ja, auf eine Weise sind sie es! Aber eben nicht nur! Denn ich bin auch ihr Nächster! Denn Was ich an diesem Tag an Fröhlichkeit, an Dankbarkeit, an Lob und an Humor erlebe, kann ich in Worten gar nicht beschreiben!!

    Und wenn wir die Geschichte mit dem barmherzigen Samariter noch etwas genauer betrachten, wird der Herbergenbesitzer wiederum zum Nächsten für den Samariter! Die Geschichte hört nicht einfach damit auf, dass der Samariter den Verletzten zur Herberge bringt und für ihn sorgt, bis er wieder gesund ist! Nein, er vertraut ihn der Fürsorge des Herbergenbesitzers an, sagt diesem, dass er für alle weitere Kosten bei seiner Rückkehr aufkommen würde und zieht seines Weges weiter!

    Beni schreibt so wunderbar treffend: „Der Nächste“ ist nicht etwas, was man einfach so ist. Nur weil man sich geographisch in der Nähe von einem anderen Menschen befindet. Zum Nächsten wird man, wenn man sich auf einen Menschen einlässt. Wenn man sich in seine Lebenswelt hineinbegibt und Teil seiner Geschichte wird. Ihm hilft.“

    In dem man ihm hilft oder dass er einem helfen lässt. Das scheint mir jetzt mal eine einfachere Form von Hilfe zu sein. Denn der Mann liegt ja bereits hilflos am Boden und ist auf „Nothilfe“ angewiesen. Was aber, wenn ich einer Schlägerei, einer Tätlichkeit, einem Handtaschendiebstahl oder einer Mobbingsituation begegne? Was wenn meine Frau von einem Unbekannten angequatscht und unsittlich berührt würde? Was wenn jemand versuchen würde, meine Kinder zu misshandeln? Wer ist dann in dieser Situation mein Nächster und – vor allem – wie sieht meine Hilfe dann aus??

  3. Vielen Dank für deine weiterführenden Gedanken!

  4. Profilbild von Cla Cla says:

    Danke Beni und Matt. Ihr fordert mich ganz schön.
    Herzlich, Cla

  5. Matt Suremann says:

    Lieber Cla
    Nun ja, mir persönlich geht es weniger um das Fordern, als mehr um das gemeinsame Weiterdenken. (Heraus-)Fordern tut uns ja eigentlich Jesus selbst durch sein Gleichnis. Damit offenbart er uns seinen Wunsch, dass wir über solche Situationen nachdenken und miteinander im Gespräch darüber sind. Er sagt uns nicht einfach: „Ich will dass Ihr so oder so handelt“. Sondern er antwortet auf eine konkrete Frage nach dem Nächsten mit dieser Geschichte und fragt dann wiederum denn Fragenden, wer nun in dieser Geschichte der Nächste für den Verwundeten am Strassenrand gewesen sei. Gleichnisse wie dieses verdeutlichen mir immer wieder, dass Jesus nicht einfach ein frommer Wanderprediger war, der mit den Menschen über irgendwelche hochtheologische Themen diskutierte. Sondern zu seiner Dreieinigkeit gehörte eben auch das Menschsein. Und als Mensch sprach er mit den Menschen natürlich auch über ganz alltägliche Situationen, wie sie jedem von ihnen hätten widerfahren können. Deshalb mag ich die Bibel so. Sie ist nicht nur ein theologisches Buch mit vielen Siegeln, sondern eben auch ein ganz praktischer Wegweiser für meinen Alltag…! 😉

  6. frankmueller says:

    Ja, das macht irgendwie Sinn – selber den aktiven Part zu übernehmen beim „zum Nächsten werden“ – das zeigt Grösse. Danke für den Artikel