Gemeindemüde ??

Nein, keine Angst ich nicht. Aber anscheinend einige andere. Das dachte ich mir, als ich die neueste Ausgabe des ‚Aufatmen’-Hefts in der Hand hielt. Dort ist ein ganzes Dossier diesem Thema gewidmet.

Und sofort habe ich so meine Fragen dazu im Kopf: Was heisst das: Gemeindemüde? Ist so was normal? Wie sieht’s denn bei mir damit aus?

Ich lese mich durch die Artikel und bin etwas irritiert: Der Grundtenor: Na ja, das gibt’s. Es gehört halt dazu. Das ist ein Teil der normalen Entwicklung. Und: Gemeindemüde heisst ja noch lange nicht Jesus-müde.

Wirklich?

Vielleicht steht es mir nicht zu, die Gemeindemüdigkeit anderer Christen zu beurteilen. Tatsächlich bin ich noch jung, begeisterungsfähig und vielleicht naiv. Darum kann und will ich nicht Menschen verurteilen, die mit fünfzig einen „Gemeinde-Durchhänger“ haben.

Trotzdem: Sind denn die Gemeinde und Jesus so einfach trennbar?

Wie steht’s denn um die ganze Geschichte, dass die Gemeinde der Körper von Jesus in dieser Welt ist? Können wir einfach sagen: Jesus ja, Kirche nein?

Ja, sagen viele. Ich würde lieber am Sonntagmorgen wandern gehen und Gott ganz alleine in der wunderschönen Bergwelt begegnen. Ich brauche nicht zusätzlich den Stress der Gemeinde mit ihren Anforderungen. Mir reicht ein kleiner Hauskreis mit meinen besten Freunden. Die zufälligerweise auch noch alle sehr ähnlich sind wie ich… Und das mit dem Leib ist ja viel mehr geistlich zu verstehen. Irgendwie gehören wir halt alle zu einem unsichtbaren Körper.

Nein, sage ich (und hoffentlich noch einige mehr). Immerhin habe ich Bonhoeffer auf meiner Seite, der dazu meinte: „Der auferstandene Christus existiert als Gemeinde“. Jesus ohne Kirche geht nicht. Auch wenn die Kirche manchmal sehr unfertig und stinkig daher kommt, es bleibt der Leib Jesu. Und dieser Leib muss sichtbar werden in dieser Welt, koste es was es wolle. Jesus hat es auf jeden Fall alles gekostet…

Aber: Was ist jetzt mit allen, die frustriert sind über die Gemeinde? Und wirklich müde sind?

Könnte es sein, dass wir das Ziel aus den Augen verloren haben?

Die Kirche ist für die Welt da. Zu langes Grübeln über interne Streitigkeit machen müde. Das Ziel, unsere Umwelt mit der Liebe Gottes zu verändern, muss wieder in den Fokus unserer Überlegungen kommen. Sonst, ja sonst werden wir müde.

Wir, die Kirchen, müssen wieder entdecken, dass Gott in dieser Welt am Werk ist und dass die Gemeinde die Hoffnung dieser Welt ist. Ja genau, die einzige Hoffnung! Alles was wir tun, soll schön sein, Schönheit schaffen und unserem Nächsten geben, was er braucht.

Und vielleicht wendet sich dann die eine oder andere Müdigkeit in eine erwartungsfrohe Wachheit. Ich träume davon, dass Menschen strahlend von der Schönheit ihrer Gemeinde erzählen und aufblühen, wenn sie sich vor Ort für Menschen einsetzen können. Wie gesagt, vielleicht naiv…

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

8 Responses to “Gemeindemüde ??”

Read below or add a comment...

  1. Profilbild von Cla Cla says:

    Vielen Dank, Beni.
    Du schreibst: „Die Kirche ist für die Welt da“ und hast damit, so finde ich, vollkommen recht. Aber nicht jeder würde dir recht geben. Und nicht jeder lebt Gemeinde in diesem Sinne der Welt zugewandt. Vielerorts, so scheint mir, fliesst ein grosser Teil der Ressourcen (Geld, Zeit, Energie) nach innen, in die Selbsterhaltung. Eines der wichtigsten Themen nicht weniger Gemeinden scheinen sie selbst zu sein, ihre Visionen, ihre Bedürfnisse, ihre Spiritualität, ihre Entwicklung, ihre Infrastruktur. Ist das dennoch Leib Christi? Und soll ich mich einer solchen lokalen Gemeinschaft verbunden fühlen und Teil davon sein?
    (Dies sind für mich keine rhetorischen Fragen.)

  2. Danke für Deine Gedanken. Ich wäre allerdings etwas vorsichtig, in diesem Fall mit Bonhoeffer ins Felde zu ziehen. In seinen Frühwerken kannst Du ihn natürlich für Dich in Anspruch nehmen, v.a. mit Sanctorum Communio und dem zentralen Thema “Christus als Gemeinde existierend“; in Akt und Sein verblasst dieser Slogan – und damit auch das Thema bereits leicht, bevor er sich – ich überspringe die mittlere Phase mit Gemeinsames Leben und Nachfolge – in seinen Spätschriften der Ethik und v.a. den Briefen aus der Tegeler Haft gänzlich dem Gegenüber von Christus und Welt widmet. Die Kirche taucht da nur noch selten auch. Ich will damit auch wieder nicht sagen, dass Bonhoeffer sich komplett von der Kirche abwendet. Aber er betrachtet sie mehr und mehr kritisch und ist meiner Ansicht mit dem religionslosen Christentum, der Rückkehr zu den hebräisch-alttestamentlichen Wurzeln und einigem mehr eigenltich DER Vordenker/Vorreiter hinsichltich dessen, was und wie und ob Kirche deart überhaupt sein soll.

    Ich muss im Übrigen meinem Vorredner darin recht geben, dass ich es allzu oft beobachte, dass Zeit, Geld und Ressourcen (d.h. auch der Zehnte) im Wesentlichen in der Aufbau der eigenen Gemeinde fließen. Viel mehr als Vereinstum ist das für mich leider oft nicht. Auch wenn wir viel über Postmoderne und missionalem Gemeindebau reden, fehlen mir dafür einfach noch entsprechende Gemeinden; mir fehlen die Beispiele, wo es Teil der Gemeinde-DNA ist, auch als Individuum in meiner Nachbarschaft/Arbeit/Verein/Band oder was auch immer zu leben und dort Reich Gottes zu leben, unterstützt von meiner Gemeinde. Wo funktioniert das wirklich und ist nicht nur ein Beiprodukt von einzelnen? Viel zu oft sind diejenigen, die das wollen, gleichzeitig noch voll in der Gemeinde involviert, sodass die Überforderung eigenltich vorprogrammiert ist. Dann wundert es mich nicht, wenn man gemeindemüde wird.

    Sorry, etwas pessimistisch mein Statement, aber vielleicht melden sich ja auch noch Leute, die Gegenteiliges erleben (wäre schön).

    Viele Grüße,
    Philipp

  3. Bobby says:

    Hallo
    So viel ich weiss sagt Bonhoeffer, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus durch den Heiligen Geist als Gemeinde, als dem neuen Menschen existiert und der Leib sei die neue Menschheit. Das Wort Kirche kann irritieren. Was ist damit gemeint? Die reformierte Kirche, oder die Freikirche? Der Leib aber besteht aus erneuerten Menschen. Ich bin überzeugt, dass die Gemeinschaft unter Christen Gott gewollt ist und dass eine gute Lehre benötigt wird. Die Struktur kann sich aber gänzlich unterscheiden. Ich kenne viele die Gemeindemüde sind. Genau nachgefragt, erfährt man meist, dass es die klassischen freikirchlichen Strukturen sind, die solche Ermüdungserscheinungen hervorrufen. Die Gemeinschaft und eine Gute Lehre werden in der Regel auch von den Ermüdeten sehr geschätzt. Ich kann jeden verstehen, der das so sieht. Gemeinde und Christus ist nicht trennbar. Aber der Begriff Kirche, rsp. Gemeinde ist in jeder Epoche neu zu besetzen, will er keine Müdigkeit hervorrufen. Damit wären wir wieder bei Bonhoeffer: Der Leib ist die neue Menschheit und nicht ein von Menschen geschaffenes Gebilde. Übrigens, meine Kirche ist ein Motorradclub.
    Bob, European Pastor E.C.M.N. MM

  4. Phil Mertens says:

    Danke, Bobby, für Deine Sichtweise, der ich deutlich zustimme. Wie gesagt, was Du von Bonhoeffer ansprichst, findet man v.a. in seinen Frühwerken und dann mit Betonung der Gemeinschaft in den “mittleren“ Schriften. Die Spätschriften intendieren meiner Ansicht nach genau das, was Du auch sagst: Die empirische Kirche muss sich immer wieder neu finden, möglicherweise mal komplett “abbrechen“, damit etwas Neues entstehen kann. Dass dabei natürlich der Gekreuzigte und Auferstandene im Mittelpunkt steht, steht außer Frage. Aber eben die Form sollten wir immer wieder auf die Waagschale legen.

  5. Beni Leuenberger says:

    Vielen Dank Cla, Phil und Bobby für eure ehrlichen und spannenden Antworten! Ja ich weiss um all die Schwierigkeiten, die bestehen, wenn Gemeinden die meisten Ressourcen für sich selbst investieren. Aber ich weiss nicht, ob ich entscheiden darf, welche Gemeinde „wirklich“ Leib Christi ist und welche nicht. Ist es denn richtig zu sagen, in der Gemeinde läuft einiges schief, also halte ich mich lieber raus? Meines Erachtens läuft auch in der Welt einiges schief und trotzdem sollen wir uns dort nicht raushalten. Ich würde also sagen, dass es trotz allem wichtig ist, teil einer lokalen Gemeinde zu sein. Erst wenn man Teil ist von etwas, kann man sich auch daran machen, es zu verändern.
    Ich würde Bobby widersprechen, dass die Hauptsache Gemeinschaft und gute Lehre ist. Was ist denn gute Gemeinschaft? Ich bleib dabei, dass das Ziel einer Gemeinde entscheidend ist. Was ist denn Gemeinschaft ohne Ziel? Leute die einfach die selben Interessen haben und ähnlich sind.
    Und noch was, Phil: Ich finde gerade, dass das Konzept des Individuum, das sich im Verein/Nachbarschaft/Band einsetzt, versagt hat. Wer schafft es denn wirklich, dort alleine etwas zu bewegen? Ich kenne kaum jemanden. Vielmehr müssten kleinere Gemeinschaften in die Quartiere/Vereine etc gehen, um wirklich etwas zu bewegen.

  6. Daniela Seibert says:

    Hi Beni
    Tatsächlich erlebe ich Gemeinde als etwas sehr Schönes, Auferbauendes und Inspirierendes! Ja, Unterordnung und Vergebung zu üben gehört auch dazu… aber genau treibt mich erneut zu Gott. Und so lerne ich zu beten: „Vater, bitte stärke du die Einheit – in unserer Kleingruppe, dem Bereich der jungen Erwachsenen, der lokalen Gemeinde…
    Auch der zweite Teil der entsprechenden Aussage Jesu in Johannes 17 wurde mir in der letzten Zeit mehr eine Ermutigung denn je: „…damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“. Was sonst könnte der Gemeinde eine grössere Bedeutung geben?

    Lieber Gruss, Daniela

  7. Liebe Daniela
    Vielen Dank für dein Votum. Ich freue mich immer riesig über Menschen, die positiv über ihre Gemeinde berichten. Und tatsächlich, es bleibt immer eine riesige Herausforderung, gerade die von dir angesprochene Einheit. Aber ich bin überzeugt, dass wir uns nicht nur von unseren Erfahrungen prägen lassen müssen, sondern vor allem vom Wort Gottes.
    Ich wünsche dir viel Mut und Kraft für deine Gemeinde.
    Lieber Gruss, Beni

  8. Maya says:

    Mich hat die Serie in Aufatmen sehr angesprochen, weil wir dies in meiner Gemeinde im Moment so oft erleben. Es hat mich gefreut, dass das ausgesprochen werden darf. Und meine Beobachtung ist, dass es oft nicht die „lauen“ Christen sind, die gemeindemüde sind. Es sind die engagierten und treuen.
    Eine Antwort ist für mich die Studie REVEAL von Willow Creek, die genau das bestätigt: In den späteren Phasen von geistlichem Wachstum gibt es erstaunlich viele mit der Gemeinde unzufriedene Menschen. Ein Ursache könnte sein, dass viele Gemeinden, die aktuell und an der Gesellschaft dran sein wollen, sehr viel investieren in besucherfreundliche Gottesdienste und niederschwellige Angebote. Das ist an und für sich super.
    Aber man verliert dann sehr schnell den Blick dafür, dass die langjährigen Christen ein enormes Potential haben und dass diese auch geschätzt, herausgefordert und gefördert werden könnten.
    Natürlich fehlt es oft auch an der Eigenverantwortung für ihr geistliches Wachstum. Aber das muss ja auch klar gelehrt und vorgelebt werden…

    Ich finde das Thema sehr aktuell und finde es schade, wenn es zu schnell abgetan wird.

    Eine Frage dazu bewegt mich gerade und vielleicht hat jemand dazu eine Antwort/Erfahrung:
    Ist es nicht auch eine Frage der Lebensphase? Gehört dieses erneute Hinterfragen nicht auch zur Lebensmitte dazu?
    Wenn sich die Frage nach Resignation und Neuorientierung im Beruf und in der Ehe stellt, wieso nicht auch im Glaubens- und Gemeindeleben?