Manche Legenden sind schwer unterzukriegen. Vor allem, wenn sie sich so gut anhören, dass man sich einfach wünscht, sie seien wahr. Eine solche Legende ist die Behauptung, dass das griechische Wort ekklesia, das im Deutschen meist mit Gemeinde wiedergegeben wird, eigentlich “herausgerufen” bedeute und dass in dieser Bedeutung ein Wesensmerkmal dieser Gemeinde zum Ausdruck komme.
Die Argumentation läuft folgendermassen:
Das griechische Wort ekklesiageht auf die Bestandteile ek (“heraus”) und kaleo (“rufen”) zurück.
Ekkaleo bedeutet “herausrufen”.
Aus diesem Grund ist die Gemeinde als die “Herausgerufene” zu verstehen. Sie ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die aus der Welt “herausgerufen wurden”.
Es liegt auf der Hand, dass sich hier ein spannungsvoller Kontrast zur missionalen Theologie abzeichnet, welche die Gemeinde ja als grundsätzlich gesendet sieht. Herausgerufen oder hineingesandt: Was stimmt denn nun? Ohne diese Frage hier abschliessend beantworten zu wollen, erlaube ich mir doch den Hinweis, dass es mit der oben beschriebenen Deutung von ekklesia diverse sprachliche Probleme gibt. (Zu den theologischen Problemen darf sich gerne ein Experte für missionale Theologie äussern.) Auf zwei möchte ich hinweisen:
Erstens ist es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass ein Wort die Bedeutung seiner Grundbestandteile als eine Art verborgenen Sinnkern mit sich trägt. Oder sie überhaupt mit sich trägt. Gut, beim Wagenheber mag das noch funktionieren. Aber wie sieht es bei Auflauf aus? Das sind ja auch zwei Teile, was aber kaum (mehr) jemand merkt. Die Zusammensetzung hat sich verselbstständigt und niemand würde auf die Idee kommen, das Wort zu zerlegen um darüber zu reden, was ein Auflauf eigentlich sei. Das gilt sowohl für die kulinarische wie auch für die biblische (unten zitierte) Verwendung. Auch der Rückgriff auf frühere Bedeutungen eines Wortes ist meistens eine schlechte Idee, weil diese in der aktuellen Verwendung in den allerallermeisten Fällen nicht mehr ins Gewicht fallen. Dass Weib (viel) früher einfach eine Ehefrau bezeichnete, dürfte mir heute kaum Punkte bringen, wenn ich die Teilnehmerinnen an einem Eheseminar so begrüsse.
Zweitens stellt das Neue Testament selbst den, der die Ekklesia als eine exklusive von Gott herausgerufene Gruppe sehen möchte, vor beträchtliche Probleme. Da wird nämlich in der Apostelgeschichte (Kap. 19) von einer Konkurrenzorganisation gesprochen:
32 Die einen nun schrien dies, die anderen jenes; denn die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, weshalb sie zusammengekommen waren … 39 “Wenn ihr aber wegen anderer Dinge ein Gesuch habt, so wird es in der gesetzlichen Versammlung erledigt werden. 40 Denn wir sind auch in Gefahr, wegen des heutigen Aufruhrs angeklagt zu werden, da es keine Ursache gibt, weshalb wir uns über diesen Auflauf werden verantworten können. Und als er dies gesagt hatte, entliess er die Versammlung.”
Dem unterstrichenen Versammlung liegt im Griechischen ekklesia zugrunde. In diesem Abschnitt ist jedoch nicht von einer oder der christlichen Gemeinde die Rede (auch wenn V. 32 durchaus Erinnerungen an die eine oder andere Mitgliederversammlung wecken dürfte). Es geht überhaupt nicht um Christen, sondern
in V. 32 und 40 um einen Mob, der sich in Ephesus versammelt hatte, weil das lokale Silbergewerbe sich durch die missionarischen Aktivitäten von Paulus und seinen Mitarbeitern bedroht sah und
in V. 39 um eine offizielle Ratsversammlung in Ephesus.
Diese Verse zeigen, dass ekklesia nicht für christliche Versammlungen und Gemeinschaften reserviert war. Stattdessen scheinen wir einen Begriff vor uns zu haben, der für ganz verschiedene Versammlungen verschiedener Menschen verwendet wurde. (Diese Vermutung wird von der Verwendung ausserhalb des NT gestützt.) In diesem Sinne ist Gemeinde eine durchaus angemessene Übersetzung, gerade in der Schweiz, wo sie laufend Missverständnisse in der Abgrenzung zur politischen Gemeinde mit sich bringt. Die Gemeinschaft der an Jesus Gläubigen verwendet mit diesem Wort einen Begriff ohne Anspruch auf Exklusivität und macht vielleicht auch dadurch deutlich, dass sie sich als Teil des Lebens hier und jetzt versteht.
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