Archiv für die Kategorie ‘Denken im Freien Fall’
19. Januar 2010 von Cla | 6 Kommentare
Im Oktober erschien nach langer Arbeit und langem Warten das komplette Neue Testament der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). Ich war gespannt darauf, vor allem seit ich eine Vorschau auf das geplante Layout erhalten hatte. Das NGÜ-NT ist als exklusives, den populären Moleskine-Notizbüchern nachempfundenes Schmuckstück erschienen. Die Präsentation spricht mich sehr an. Ich finde sie überraschend frisch, kreativ, mutig und inspirierend. Wer gerne schöne Bücher hat, wird sich daran freuen können. Doch natürlich geht es nicht nur um die Präsentation. Die Gesamtausgabe des NGÜ-NT wurde sehnlichst erwartet, weil diese Übersetzung sich in den letzten Jahre bei vielen Bibellesern fest etabliert hat: Sie ist sehr gut lesbar und bemüht sich dabei doch um Nähe zum Originaltext. Ich finde, die Arbeit ist gut gelungen.
Und doch wirft das Erscheinen der NGÜ bei mir Fragen auf: noch eine deutsche Übersetzung? Wozu? Wird die Bibel deshalb mehr gelesen? Wird sie besser verstanden? Kommt sie im Leben der Gläubigen besser zum Ausdruck? – Im deutschen Sprachraum schwimmen wir in Bibelübersetzungen, während es in anderen Teilen der Welt immer noch Christen gibt, die noch nicht einmal ein einziges biblisches Buch in ihrer Sprache lesen können. Sind die enormen Ressourcen, die in die Übersetzungsarbeit fliessen, wirklich gerecht eingesetzt? Können wir eine weitere deutsche Übersetzung verantworten? (Diese Fragen sind natürlich nicht an die NGÜ gebunden. Ihr Erscheinen hat sie bei mir einfach neu in den Vordergrund getragen.)
Bei jeder neuen Übersetzung sch
wingt ja mit, dass das, was bisher an deutschen Bibeln zur Verfügung stand, (noch) nicht das Gelbe vom Ei war. Dieses Gelbe vom Ei braucht es aber unbedingt, damit … ja, wozu eigentlich? Ein wichtiges Anliegen scheint zu sein, dass der Einzelne von seiner Bibellektüre optimal profitieren kann. Dazu brauche es auch die optimale Formulierung in der Muttersprache. Die Annahme, dass die beste Übersetzung den wichtigsten Schlüssel zum wahren Verständnis der Bibel bedeutet, halte ich jedoch für einen Trugschluss. Sie fördert das Bild des einsamen Bibellesers, der in der stillen Kammer über der Bibel brütet und nichts anderes benötigt. Die Bibel – davon bin ich fest überzeugt – will uns aber ins Gespräch führen – ins Gespräch miteinander und ins Gespräch mit all denen, die sie vor uns gelesen und ihre Überlegungen aufgeschrieben haben. Diese Impulse brauchen wir, wenn wir die Schriften des Alten und des Neuen Testamentes verstehen und leben wollen. Sie sind nötiger als möglichst “textnahe”, “zuverlässige”, “verständliche” oder wie man sie auch immer bewerben möchte deutsche Übersetzungen. Wir müssen Bücher lesen, die uns helfen, Denken und Leben jener Menschen zu verstehen, deren Geschichten wir hier lesen. Vor allem aber brauchen wir das offene und engagierte Gespräch über den biblischen Texten und über die Konsequenzen, die sie nach sich ziehen. Dieses Gespräch bringt uns mehr lebensverändernde Erkenntnis – selbst wenn die Lektüre auf der unrevidierten Lutherbibel beruht
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17. November 2009 von Chrigu | 4 Kommentare
Sehr interessant. Die folgende Präsentation kann ich sehr empfehlen (leider nur in Englisch) zum Thema E-Learning und Social Learning. Viele Jugendliche bewegen sich mit Social-Learning Plattformen (Twitter, FaceBook, dimdim, flikr). Wie können wir das in unseren Unterricht einbauen?
Ich denke, da haben wir in theologischen Ausbildungsstätten, noch einigen Entwicklungsbedarf.
Hier ein bisschen Brian-Food: Form E-Learning to Social Learning
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17. August 2009 von Tobias | 5 Kommentare
In einem Gespräch über Frost und Hirschs Buch “Die Zukunft gestalten” erwähnte Jürgen Blunck, Vorstand von IGW Deutschland einen Artikel in dem er über das missionale Pfarramt geschrieben hat. Damals Anfang der 1990er war von “missional” selten die Rede. Auf Nachfrage hat er mir gestattet, seine Thesen hier zu veröffentlichen. Viel Freude bei diesem Blick in die Vergangenheit:
Vom PASTORALEN zum MISSIONALEN Pfarramt
1. Das herkömmliche Pfarramt ist pastoraler Art. Es setzt den Glauben als gegeben voraus. Es sieht seine Aufgabe darin, die nötigen Dienstleistungen für den voraus-gesetzten Glauben zu bringen: Taufe – Unterricht – Trauung – Beerdigung. Dazu kommt noch für eine kleine Insidergruppe: Gottesdienst und evtl. einige Gruppen-angebote.
Dem entspricht auch die beamtenrechtliche Absicherung des Pfarramtes. Der Pfarrer hat sozusagen hoheitsrechtlichen Status bei seinen pastoralen Diensten.
Auch die Ausbildung in ihrer ersten und zweiten Phase setzt voraus, daß diese pastoralen Dienste immer gleichbleibend angefordert werden. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten durchaus weitere Dienstleistungen (z.B. im klinisch-seelsorgerlichen oder im sozialen Bereich) hinzugekommen, für die dann auch eine erweiterte Ausbildung angeboten wird. Aber die Grundstruktur des Pfarramtes ist geblieben. Immer noch wird – auch bei erweitertem Dienstleistungsangebot – der Glaube vorausgesetzt.
2. Nun zeigt sich aber zunehmend, dass dieser Glaube, der die pastoralen Dienste nö-tig macht, weitgehend nicht mehr gegeben ist. Die Voraussetzungen für das pastorale Pfarramt, das wir seit dem Mittelalter aufgebaut haben, stimmen nicht mehr.
Die Stützpfeiler, aufgrund deren man – wenn auch immer mehr mit schlechtem Gewissen – behaupten konnte, daß der Glaube oder wenigstens ein gewisser Glaube vorauszusetzen sei, sind langsam aber sicher weggefallen: die christliche Erziehung im Elternhaus – die religiöse Sozialisation (schreckliches Wort!) in der Schule – ein kirchenfreundliches Klima in der Gesellschaft. Mag man das eine oder andere auch etwas verschieden beurteilen, so ist doch der Gesamttrend unbestritten.
Im Bild ausgedrückt: Die Pfarrer haben heute zunehmend weniger Schafe, die sie pastoral betreuen müssen, sie müssen sich diese Schafe erst zusammensuchen. Aber wir haben nur Hirten, die für eine zusammengebliebene Schafherde ausgebildet und motiviert sind, und kaum Hirten, die motiviert und befähigt sind, die verlorenen Schafe zu suchen und heimzuholen.
Wir brauchen also immer weniger pastorale Pfarrer, wir brauchen immer mehr einen neuen Typ von Pfarrer, den missionalen Typ. Und wir brauchen die Ausbildung und Motivierung dazu.
3. Eine zukunftsorientierte Kirche braucht in erster Linie ein missionales Pfarramt. Damit sollen die pastoralen Aufgaben nicht als überflüssig oder zweitrangig angesehen werden. Aber sie müssen eingeordnet werden in eine horizonterweiterte Sicht des Pfarramtes. Es müssen nicht nur die kirchennahen “Schäfchen” im Blick sein, sondern auch die kirchenfernen – eben die, bei denen Glaube nicht mehr oder noch nicht vorausgesetzt werden kann.
Das pastorale Pfarramt ist weitgehend pfarrerorientiert, das missionale Pfarramt dagegen ist “kunden”orientiert. Das pastorale Pfarramt ist dienstleistungsorientiert, das missionale dagegen ist glaubenweckend-orientiert. Das pastorale Pfarramt versucht, in Zeiten des kirchlichen Abwärtstrends noch möglichst viel zu bewahren, das missionale dagegen will Neuland gewinnen für eine Kirche im Morgen.
Für das missionale Pfarramt braucht der Pfarrer eine nicht weniger qualifizierte, aber doch eine andere Art von Ausbildung in beiden Phasen seiner Ausbildung. Alle Disziplinen der Ausbildung – exegetischer, kirchengeschichtlicher, systematischer und praktischer Art – müssen von dem Testament Jesu durchdrungen sein und auf dies Testament Jesu fokussiert werden: Gehet hin – macht zu Jüngern – seid meine Zeugen – wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch! Weil der Glaube nicht vorauszusetzen ist, hat Jesus uns dies Testament hinterlassen.
4. Für eine zukunftsorientierte Kirche reicht es nicht, wenn sie diesen missionalen Auftrag Jesu durch Spezialpfarrer (Evangelisten) und Spezialämter (Volksmissiona-rische Ämter) abzudecken versucht. Das reichte in einer Zeit, als die Schafe noch mehr oder weniger im Stall waren, sich dort nur in irgendwelchen Ecken herum-mümmelten anstatt sich an die Stallordnung zu halten.
Wir brauchen nicht einzelne Personen, wir brauchen das normale Pfarramt, das missional orientiert sein muß. Warum? Der Pfarrer vor Ort und in der Gemeinde hat immer noch erheblich mehr Einfluß auf das Leben der Gemeinde als Kirchenleitung und Spezialpfarrer zusammen. Wenn er nicht die neue Aufgabe erkennt und annimmt, werden es andere außerhalb der Kirche tun – und tun es jetzt schon.
Die Kirchenleitungen können für eine solche Neuorientierung vom pastoralen Pfarramt zum missionalen Pfarramt die Signale setzen und die Rahmenbedingungen ind er Ausbildung und Begleitung schaffen – wenn sie es wollen.
Jürgen Blunck
(geschrieben 1994)
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9. Juni 2009 von Chrigu | 3 Kommentare

Jean_Calvin
In einer grösseren Firma in der Schweiz treffe ich drei Führungskräfte aus dem mittleren Kader. Das Gespräch dreht sich, wie heute fast immer, um das Thema Wirtschaftskrise. Stellen wurden abgebaut, und die Mitarbeiter, die noch da sind, versinken in der Arbeit – so auch die Abteilung von T. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erwähnt T. seinen Teamleader P., der zwar gute Arbeit leiste, ehrlich und freundlich sei, der aber jeden Abend um punkt 16.55 Uhr Feierabend macht. Der Rest des Teams macht danach noch die Arbeit fertig. T. meine dann zum Schluss noch, dass P. halt fromm sein und in irgendeine Kirche gehe…
Ich kenne P. nicht näher. Es kann sein, dass er Familienvater ist, sich aktiv in der Kirche beteiligt oder dass er meisterlich ausgeglichen seine Work-Life Balance pflegt. Alles tipp-topp, und doch…
Das Erlebnis ist für mich beispielhaft für etwas Vages, das ich seit ein paar Monaten meine zu beobachten. Haben die Christen verlernt zu „chrampfen“? Haben wir das Erbe der reformierten Arbeitsethik verloren?
Ich treffe je länger je weniger Christen, die gerne arbeiten. Leute, die bereit sind, für ihren Job zu investieren, Überstunden zu machen, dem Kunden einen hervorragenden Service zu bieten, gute Arbeit zu leisten, auch wenn es niemand direkt sieht…. Viele hangeln sich von Wochenende zu Wochenende und beklagen sich oft über den Job: vielleicht ist der Chef blöd, das Gehalt zu tief, die Arbeitsbedingungen zu schwer, das Klima zu weltlich…
Im Zuge des Dauerbrenner–Themas Berufung wünsche ich mir, dass der BERUF-ung mit mehr Leidenschaft nachgelebt wird. Wie kann man beruf-en sein und solch lausige Arbeit leisten?
Hast du auch schon ähnliche Beobachtungen gemacht? Deine Gedanken würden mich interessieren.
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8. April 2009 von Chrigu | 4 Kommentare
Nachdem ich meine Stelle als Pastor gekündigt hatte, träumte ich davon, meine Brötchen für einen nächsten Lebensabschnitt in der Privatwirtschaft zu verdienen.
Einfacher gesagt als getan. Beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen stolperte ich immer wieder. Ich kann mein Diplom beilegen, eine Auflistung der Fächer, die ich besucht habe, kann erzählen von den x Lagern, Events die ich organisiert habe, die Erfahrungen in einem Projekt in der Ukraine festhalten, die Predigten, Gespräche, Leitersitzungen, und und und…. Nur, so kam der Gedanke immer stärker, wird irgendwo in einem Büro ein HR Consultant wohl mein Bewerbungscouvert öffnen, lesen, dass ich Theologie studiert habe, freundlich lächeln und meine Bewerbung auf den höheren Stapel legen. Die meisten werden sich wohl unter “Theologe” nichts vorstellen können (oder zumindest nichts Lebensnahes, Praktisches) und damit wäre die Sache erledigt.
Irgendwie wurde mir bewusst, dass ich da wohl in eine Falle getappt bin, die wie für Theologen prädestiniert ist: Man redet auf die Leute ein, ohne dass sie etwas von dem verstehen, was man da quasselt.
Was wäre, wenn unsere Unterrichtsfächer einfacher verständliche Namen tragen würden, oder wenn man sich bei einer Bewerbung die Mühe macht, die Dinge so zu schreiben, dass die Privatwirtschaft sie versteht?
So würde beispielsweise…
- aus Seelsorge das Fach: Beratung, Coaching, Persönlichkeitsentwicklung
- aus Homiletik würde evtl. Rhetorik
- aus dem Projekt in der Ukraine wird eine Kompetenz in Interkultureller Kommunikation
- die Anlässe würden zu Event Management
- etc.
Natürlich will ich hier nicht zum Bluffen oder Übertreiben motivieren. Und doch, in einer Zeit wo der Abwart “Facility Manager” genannt wird, wäre es wohl angebracht, sich als Theologe so zu verkaufen, dass die Leute auch verstehen, was damit verbunden ist.
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