31. August 2009 von Matthias Ziehli | 2 Kommentare
Passend zum Start ins neue Studienjahr titel 20min.ch am Freitag, 28.8.09 mit den Zeilen: “Grassierender Pfarrermangel, leere theologische Fakultäten: Um das Image des Pfarrberufs war es schon besser bestellt…”, einen Artikel über Pfarrermangel. Verschiedene Promis aus dem schweizer Showbiz sollen für eine theologische Ausbildung zum Parrer/Pfarrerin geworben haben. Einige Auszüge aus dem Artikel:
- Ab 2011 wird der Pfarrermangel noch grösser, denn ab da bis etwa 2020 gehen die grossen Pfarrerjahrgänge in Pension
- Im Magazin verweisen sie an mehreren Stellen auf die finanziellen Aussichten nach Abschluss des Theologiestudiums, aber auch auf die Eigenschaft des Pfarrberufes als krisensicherer Job.
Das ist doch eine richtige Motivationsspritze für alle Theologiestudierenden!
Ob man zum Pfarrer taugt wird bei 20min.ch auch gleich über einen Quiz abgefragt. Viel Spass beim testen der “Pfarrerkompetenz“.
Das Quiz ist also nicht ganz ohne. Unsere neueinsteigenden Studierenden wurden sofort getestet und immerhin drei-viertel hat es geschafft alle 8 Fragen zu beantworten. Wenn das nicht verheissungsvoll ist?
VN:F [1.8.1_1037]
17. August 2009 von Tobias | 5 Kommentare
In einem Gespräch über Frost und Hirschs Buch “Die Zukunft gestalten” erwähnte Jürgen Blunck, Vorstand von IGW Deutschland einen Artikel in dem er über das missionale Pfarramt geschrieben hat. Damals Anfang der 1990er war von “missional” selten die Rede. Auf Nachfrage hat er mir gestattet, seine Thesen hier zu veröffentlichen. Viel Freude bei diesem Blick in die Vergangenheit:
Vom PASTORALEN zum MISSIONALEN Pfarramt
1. Das herkömmliche Pfarramt ist pastoraler Art. Es setzt den Glauben als gegeben voraus. Es sieht seine Aufgabe darin, die nötigen Dienstleistungen für den voraus-gesetzten Glauben zu bringen: Taufe – Unterricht – Trauung – Beerdigung. Dazu kommt noch für eine kleine Insidergruppe: Gottesdienst und evtl. einige Gruppen-angebote.
Dem entspricht auch die beamtenrechtliche Absicherung des Pfarramtes. Der Pfarrer hat sozusagen hoheitsrechtlichen Status bei seinen pastoralen Diensten.
Auch die Ausbildung in ihrer ersten und zweiten Phase setzt voraus, daß diese pastoralen Dienste immer gleichbleibend angefordert werden. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten durchaus weitere Dienstleistungen (z.B. im klinisch-seelsorgerlichen oder im sozialen Bereich) hinzugekommen, für die dann auch eine erweiterte Ausbildung angeboten wird. Aber die Grundstruktur des Pfarramtes ist geblieben. Immer noch wird – auch bei erweitertem Dienstleistungsangebot – der Glaube vorausgesetzt.
2. Nun zeigt sich aber zunehmend, dass dieser Glaube, der die pastoralen Dienste nö-tig macht, weitgehend nicht mehr gegeben ist. Die Voraussetzungen für das pastorale Pfarramt, das wir seit dem Mittelalter aufgebaut haben, stimmen nicht mehr.
Die Stützpfeiler, aufgrund deren man – wenn auch immer mehr mit schlechtem Gewissen – behaupten konnte, daß der Glaube oder wenigstens ein gewisser Glaube vorauszusetzen sei, sind langsam aber sicher weggefallen: die christliche Erziehung im Elternhaus – die religiöse Sozialisation (schreckliches Wort!) in der Schule – ein kirchenfreundliches Klima in der Gesellschaft. Mag man das eine oder andere auch etwas verschieden beurteilen, so ist doch der Gesamttrend unbestritten.
Im Bild ausgedrückt: Die Pfarrer haben heute zunehmend weniger Schafe, die sie pastoral betreuen müssen, sie müssen sich diese Schafe erst zusammensuchen. Aber wir haben nur Hirten, die für eine zusammengebliebene Schafherde ausgebildet und motiviert sind, und kaum Hirten, die motiviert und befähigt sind, die verlorenen Schafe zu suchen und heimzuholen.
Wir brauchen also immer weniger pastorale Pfarrer, wir brauchen immer mehr einen neuen Typ von Pfarrer, den missionalen Typ. Und wir brauchen die Ausbildung und Motivierung dazu.
3. Eine zukunftsorientierte Kirche braucht in erster Linie ein missionales Pfarramt. Damit sollen die pastoralen Aufgaben nicht als überflüssig oder zweitrangig angesehen werden. Aber sie müssen eingeordnet werden in eine horizonterweiterte Sicht des Pfarramtes. Es müssen nicht nur die kirchennahen “Schäfchen” im Blick sein, sondern auch die kirchenfernen – eben die, bei denen Glaube nicht mehr oder noch nicht vorausgesetzt werden kann.
Das pastorale Pfarramt ist weitgehend pfarrerorientiert, das missionale Pfarramt dagegen ist “kunden”orientiert. Das pastorale Pfarramt ist dienstleistungsorientiert, das missionale dagegen ist glaubenweckend-orientiert. Das pastorale Pfarramt versucht, in Zeiten des kirchlichen Abwärtstrends noch möglichst viel zu bewahren, das missionale dagegen will Neuland gewinnen für eine Kirche im Morgen.
Für das missionale Pfarramt braucht der Pfarrer eine nicht weniger qualifizierte, aber doch eine andere Art von Ausbildung in beiden Phasen seiner Ausbildung. Alle Disziplinen der Ausbildung – exegetischer, kirchengeschichtlicher, systematischer und praktischer Art – müssen von dem Testament Jesu durchdrungen sein und auf dies Testament Jesu fokussiert werden: Gehet hin – macht zu Jüngern – seid meine Zeugen – wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch! Weil der Glaube nicht vorauszusetzen ist, hat Jesus uns dies Testament hinterlassen.
4. Für eine zukunftsorientierte Kirche reicht es nicht, wenn sie diesen missionalen Auftrag Jesu durch Spezialpfarrer (Evangelisten) und Spezialämter (Volksmissiona-rische Ämter) abzudecken versucht. Das reichte in einer Zeit, als die Schafe noch mehr oder weniger im Stall waren, sich dort nur in irgendwelchen Ecken herum-mümmelten anstatt sich an die Stallordnung zu halten.
Wir brauchen nicht einzelne Personen, wir brauchen das normale Pfarramt, das missional orientiert sein muß. Warum? Der Pfarrer vor Ort und in der Gemeinde hat immer noch erheblich mehr Einfluß auf das Leben der Gemeinde als Kirchenleitung und Spezialpfarrer zusammen. Wenn er nicht die neue Aufgabe erkennt und annimmt, werden es andere außerhalb der Kirche tun – und tun es jetzt schon.
Die Kirchenleitungen können für eine solche Neuorientierung vom pastoralen Pfarramt zum missionalen Pfarramt die Signale setzen und die Rahmenbedingungen ind er Ausbildung und Begleitung schaffen – wenn sie es wollen.
Jürgen Blunck
(geschrieben 1994)
VN:F [1.8.1_1037]